Wozu brauche ich Entwicklungsbeobachtung und -dokumentation in der Kita?

In den letzten Tagen war ich viel in verschiedenen Kindertagesstätten unterwegs und führte dort etliche Gespräche mit pädagogischen Fachkräften. Dabei war auffällig, dass mir in den Gesprächen immer mal wieder folgende Fragen gestellt wurden: „Können wir die Kinder nicht einfach mal Kinder sein lassen? Wir sind doch auch so groß geworden! Muss man die Kinder so mit Bildungsangeboten überfordern?“

Und daran schlossen sich die Ansichten an: „Ich brauche doch keine Beobachtungsverfahren, das sehe ich doch auch so, was das Kind braucht! Da habe ich genügend Erfahrung.“

Anhand dieser Aussagen habe ich gemerkt, dass bei einigen Erziehern noch eine gewisse Unsicherheit besteht, gerade in den Bereichen der Entwicklungsdokumentation, der Beobachtungsdokumentation und beim Anspruch der Bildungsangebote. Dieser Beitrag soll nun etwas Klarheit schaffen.

In welchem Kontext kommen diese Fragen auf?

Sicherlich hat sich schon jeder, der sich in irgendeiner Art und Weise mit Kindern und deren Alltag beschäftigt, die Frage gestellt, ob unser Umgang mit den Kindern auch wirklich deren Lebenswelt entspricht.

Schließlich soll sich auch die Pädagogik am Kind und nicht das Kind an der Pädagogik ausrichten. Nicht die Kinder müssen sich den Vorstellungen und der Lebenswelt der Fachkraft fügen, sondern genau andersherum.

In diesem Kontext ist die Aussage, dass wir die Kinder Kinder sein lassen müssen vollkommen gerechtfertigt. Mir ist diese Frage aber bei anderen Diskussionspunkten begegnet. Es ging um die pädagogische Arbeit und die Entwicklungsdokumentation.

Im Raum stand, ob man nicht das Kindsein verdrängt, wenn man alles, was die Kinder machen, beobachtet, jeden Schritt dokumentiert und analysiert. Überspitzt formuliert begegnete mir der Ansatz: Kinder brauchen keine Vorgabe, wie sie sich entwickeln müssen – das machen sie doch ganz von allein. Sie haben ja den Willen, sich zu entwickeln. Und außerdem: früher sind die Kinder auch groß geworden, ohne, dass alles aufgeschrieben wurde.

Ja, richtig. Dem widerspreche ich zunächst einmal gar nicht.

Jedes Kind hat eine natürlich gegebene Neugier, einen Wissenshunger, den Willen, sich die Welt zu erschließen. Sie erschließen sich die Welt, indem sie sich forschend mit ihrer Umgebung auseinandersetzen – sie explorieren ihre Umwelt mit allen Sinnen. Sie reagieren auf alles, was für sie unbekannt ist. Alles ist neu, alles ist spannend.

Also greife ich nochmal die anfangs gestellte Frage auf: Warum können wir die Kinder nicht einfach Kinder sein lassen? Anscheinend eignen sie sich ja alles von selbst an?

 

Der Bildungsauftrag des Pädagogen

Hier kommt der eigene Bildungsauftrag ins Spiel, den man sich als Pädagoge bewusstmachen muss. Oft herrscht dabei ein Missverständnis vor, wenn Fragen aufkommen wie „Warum müssen wir denn schon so früh mit der direkten Bildung anfangen? Die Kinder bilden sich doch von selbst! Lassen wir die Kinder doch einfach mal machen!“

Dies ist ein Widerspruch in sich selbst.

Selbstverständlich bilden sich die Kinder von selbst. Jeder Mensch bildet sich von selbst, egal, ob Kind oder Erwachsener – Bildung ist nur durch Eigeninitiative möglich und wird von einem ganz ursprünglichen Interesse getrieben.

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Bildung ist die Auseinandersetzung mit der Umwelt, das Sammeln von Erfahrungen und die Ableitung von Erkenntnissen.

 

Bildungsprozesse der ersten Jahre

In den ersten Jahren zeichnen sich Bildungsprozesse vor allem durch die Vielfalt an Aneignungsweisen aus. Mit allen Sinnen wird die Welt erkundet, Dinge werden erprobt und Grenzen ausgelotet. Und dabei haben die Kinder eben nicht das Gefühl, etwas lernen zu müssen. Sie wollen lernen. Sie lernen gerne. Nahezu der ganze Tag besteht aus neuen Erfahrungen, aus Erfahrungen, die in Erkenntnissen münden. Und nur eine eigenständige Erfahrung birgt die Möglichkeit, die eigenen Kompetenzen zu erweitern.

Wie Prof. Schäfer, Experte für Frühkindliche Bildung, immer wieder thematisierte: Kinder beschäftigen sich mit neuen Reizen solange, bis sie sich daran gewöhnt haben. Sobald sich ein Kind an einen Reiz gewöhnt hat, wird die Beschäftigung mit diesem uninteressant. Jedoch reicht schon eine kleine Veränderung des Reizes aus, damit die Neugier erneut geweckt wird.

Und hier kommt nun wieder die pädagogische Fachkraft ins Spiel. Wie kommt das Kind an einen neuen Reiz? Klar, es kann sich langweilen und sich den Reiz selbst suchen. Der Alltag in den Kindertagesstätten zeigt aber eher, dass die Fachkräfte für die Kinder einen Raum und Angebote, die neue Reize setzen, schaffen wollen. Angebote, die den Kindern ermöglichen, sich zu entwickeln.

Und woher weiß eine Fachkraft, wann ein Kind welche neuen Reize braucht?

Durch Beobachtung!

 

Beobachtung als essentieller Bestandteil in der Kita

Möchte ich dem Kind wirklich gerecht werden und eine gute, hochwertige pädagogische Arbeit leisten, dann muss es mein Anspruch sein, reflektiert zu handeln. Im Prinzip ist das ja meine Daseinsberechtigung als pädagogische Fachkraft. Würde ich einfach nur irgendetwas machen, was mir gerade einfällt, dann bräuchte ich keine pädagogische Ausbildung.

Die Beobachtung und deren Dokumentation ermöglicht es mir jedoch, mir ein Bild von dem Kind zu machen, es kennenzulernen und zu sehen, wo es in seiner Entwicklung steht. Ich sehe seine Interessen und seine Fähigkeiten und kann mein pädagogisches Angebot daraus ableiten.

An dieser Stelle komme ich zu der anfangs genannten zweiten Aussage: „Ich brauche doch keine Beobachtungsverfahren, das sehe ich doch auch so, was das Kind braucht! Da habe ich genügend Erfahrung.“

Natürlich haben Fachkräfte einen Erfahrungsschatz, der es ihnen ermöglicht zu sehen, was ein Kind braucht, ohne zuvor mehrere Seiten Papier ausgefüllt zu haben.

Aber Hand aufs Herz – schaffen Sie es, sich immer diese Fragen zu stellen?

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Ich möchte behaupten, dass das ohne Beobachtungsdokumentation nicht möglich ist!

Da können die Kompetenz, der fachliche Hintergrund, der Erfahrungsschatz und auch der Anspruch noch so groß sein – eine Fachkraft ist und bleibt ein Mensch. Und es ist nun einmal unsere menschliche Natur, dass wir einen subjektiven Blick auf unsere Umgebung haben.

In einer Kindertageseinrichtung ist man für mehrere Kinder zuständig und das Geschehen ist oft von Hektik geprägt. Da ist es schlicht und einfach nicht möglich, jedes Kind zu jedem Zeitpunkt gleichermaßen zu sehen, sich zu erinnern und einzuordnen, welches pädagogische Angebot die sensible Phase der Kinder am besten aufgreift.

Daher zurück zum Ursprungsgedanken: Die Pädagogik soll sich am Kind ausrichten – nicht das Kind an der Pädagogik. Das Schöne an der Beobachtung ist ja, dass man sich als Pädagoge vollkommen zurücknimmt und die Kinder in ihren Handlungen nicht unterbricht.

Und eines darf man dabei nicht vergessen: Beobachtung ist keine Überwachung der Kinder. Beobachtung bedeutet nicht, dass den Kindern kein Raum zum Experimentieren und Ausloten der Kompetenzen gegeben wird.

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Es braucht die Beobachtung also nicht, um das Kind zu überwachen und kontrollieren. Und es braucht die Fachkraft nicht, um dem Kind die Erfahrungen und Antworten zu geben. Aber es braucht die Beobachtung, um jedes einzelne Kind gleichermaßen zu wertschätzen und es braucht die Fachkraft, um die nötigen Impulse dafür zu geben.

 

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