„Wir müssen die Arbeit reparieren!“ Wie Projekte in Kitas entstehen. #Kita_Talk

Haben Sie jemals danach gefragt, was Ihre eigenen Kinder oder Ihre Kitakinder denken, was Sie den ganzen Tag arbeiten? Einige spannende Antworten kommen da zum Vorschein… Ein guter Grund, ein Projekt zum Thema Arbeit gemeinsam mit den Kindern durchzuführen.

 

#Teil 5: „Wir müssen die Arbeit reparieren!“ Wie Projekte in Kitas entstehen.

 

Vor Kurzem war ich einen Vormittag lang in der Kita meiner langjährigen Freundin Carola, die dort die Leitung innehat. Am Morgen beobachtete ich, wie die Kinder von ihren Eltern gebracht wurden. Bei der Verabschiedung hörte ich oft: „Tschüss, viel Spaß, ich gehe jetzt in die Arbeit.“ Wenn die Eltern gehen, ist es für die Kinder wichtig zu wissen, wohin sie gehen: „In die Arbeit“. Die Arbeit ist dabei etwas Greifbares. Zumindest vermuten wir Erwachsenen das. 

Ein wenig später an diesem Tag beobachteten wir zwei 2-jährige Jungs, die miteinander spielten. Sie waren mit einem Schaumstoffteil beschäftigt und schienen dieses bewusst zu bearbeiten. Die Handlung war für beide klar. Für uns war das von außen betrachtet jedoch nicht der Fall. 

 

„Na ihr zwei, was macht ihr denn da?“ –

 Wir müssen die Arbeit reparieren, die ist kaputt!“

 

Ein kurzes Schmunzeln unsererseits. Dann schlug Carola den beiden vor, Werkzeug von der Werkbank zu holen, damit das Reparieren einfacher wird. Die beiden Jungs zogen daraufhin los und besprachen sich, welche Werkzeuge wohl die sinnvollsten wären und kamen schließlich mit einer Säge und einem Hammer zurück (selbstverständlich handelte es sich hier um Spiel-Werkzeug).

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Theresa Lill: „Kindern ist vieles nicht so verständlich, wie wir vermuten.“

Während die beiden nun damit beschäftigt waren, die Arbeit mit ihrem Werkzeug zu reparieren, kamen Carola und ich ins Gespräch.

Der Begriff Arbeit schien – zumindest den beiden Jungs – nicht wirklich klar zu sein. Carola fielen immer mehr Beispiele ein, die zu der Erkenntnis führten, dass für Kinder der Begriff nicht annähernd so selbstverständlich ist, wie wir Erwachsenen oft gerne vermuten.  

 

Umso länger ich darüber nachdenke, umso auffälliger ist es, dass die Kinder zwar eine Vorstellung davon haben, was ihre Eltern in der Arbeit machen, aber so wirklich verstehen sie es, glaube ich, nicht. Eines unserer Kinder erzählt zum Beispiel immer wieder, dass sein Papa in der Arbeit nur Bobby-Car fährt. Meines Wissens nach hat er übrigens einen gewöhnlichen Bürojob. Oder einmal habe ich ein Gespräch von zwei Kindern verfolgt. Da erzählte das eine Mädchen, dass ihre Mutter in eine andere Stadt fährt, um zur Arbeit zu gehen. Die Antwort des anderen Kindes darauf war: „Ach, gibt es da auch eine Arbeit?“ 

Die Kinder haben eine sehr unterschiedliche Auffassung von Arbeit. Ich erinnere mich auch an zwei Eltern, die meinten, dass ihre Kinder wahrscheinlich vollkommen irreführende Assoziationen zur Arbeit hätten. Die eine Mutter war Stewardess. Ihr Kind war der Meinung, dass sie immer im Flugzeug verreisen würde, im Sinne eines Urlaubs. Ein anderer Vater war Landschaftsarchitekt und hatte ein Vor-Ort-Meeting auf einem Bauernhof. Er hatte an diesem Tag seinen Sohn mitgenommen, der während des Meetings mit den Tieren spielte und auf dem Gelände herumtobte. Sein Sohn verband dadurch Arbeit mit dem Herumtollen auf einem Bauernhof.

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Carola Rittner: „Die Kinder denken, wir Erzieher wohnen in der Kita.“

Und am schönsten ist eigentlich immer, wenn dich ein Kind einmal außerhalb der Einrichtung trifft. Die Kinder sind dann immer total verwirrt – sie kennen dich nur innerhalb der Einrichtung. Sie gehen auch davon aus, dass du da wohnst.

Und Arbeit ist das natürlich nicht, was wir machen. Manchmal fragt mich auch ein Kind, was ich denn eigentlich arbeite und wann ich das mache.

 

Letztendlich führten all unsere Überlegungen bei Carola zu einer Schlussfolgerung: Sie möchte mit den Kindern dem Begriff Arbeit auf den Grund gehen. Das Thema scheint die Kinder zu bewegen und eignet sich daher perfekt, um ein Projekt damit zu gestalten.

 

Warum ein Projekt? Was macht das Besondere an Projekten aus?

Projekte eignen sich hervorragend, um situationsorientierte Lernprozesse anzustoßen. Kinder lernen, wenn sie etwas interessiert und sie Anknüpfungspunkte für sich ausmachen können. Die motivationale und emotionale Eingebundenheit beeinflusst den Bildungsprozess ebenso.

Sie lernen dann, wenn sie etwas lernen wollen. Projekte greifen die Interessen der Kinder auf und setzen an deren Selbstbildungspotenzialen an. Sie ermöglichen ein Thema aus verschiedensten Perspektiven mit allen Sinnen zu begreifen. Die Kinder erhalten dadurch einen umfassenden Einblick, können Zusammenhänge begreifen und bekommen eine konkrete Vorstellung von einem Thema.

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Auch die Autoren haben als Kinder verschiedene Berufe ausprobiert… Hier übten sie sich als Friseure.

 

Was ist ein Projekt?

Ein Projekt entsteht, wenn ein Problembereich oder ein Thema über einen längeren Zeitraum behandelt wird. Ein Projekt entwickelt sich im Prozess. Dabei erfolgt die Planung, Entwicklung und Durchführung nicht FÜR, sondern weitestgehend GEMEINSAM mit den Kindern.

Die Kinder sollen von Beginn an ihre Gedanken, Ideen und Kompetenzen in die Gestaltung einbringen. Das Ergebnis eines Projekts ist zu Beginn offen. Im Vordergrund steht das entdeckende und forschende Lernen der Kinder. Hierzu werden möglichst vielfältige und erlebnisreiche Zugänge zu einem Thema gesucht. Im gemeinsamen Prozess können die Kinder ihre Erfahrung diskutieren und reflektieren. 

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„Auch Eltern können in Projektarbeit eingebunden werden.“

Projekte müssen nicht auf die Räumlichkeiten und Ressourcen der Einrichtung begrenzt sein.

Sie bieten sich hervorragend an, um die Kompetenzen der Eltern mit einzubeziehen. Etwa in Einrichtungen mit Kindern vieler Nationen lässt sich zum Beispiel ein Projekt gestalten, bei dem die Eltern in die Einrichtung kommen und etwas über das Herkunftsland erzählen, gemeinsam mit den Kindern kochen, etc.

Ebenso lässt sich in Projekten die Öffnung der Einrichtung gut verwirklichen, indem beispielsweise Kontakt mit anderen Berufsgruppen aufgenommen wird.

 

Carola Rittner_stepfolio_Blog
„Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Menschen gerne zu uns kommen, um den Kindern ihren Beruf vorzustellen.“

Vor einiger Zeit hatten die Kinder in der Krippe ein riesengroßes Interesse an Taxis. Sie haben oft davon gesprochen und immer, wenn wir auf einem Ausflug ein Taxi gesehen haben, waren die Kinder total begeistert.

Also haben wir schließlich in der Taxizentrale angerufen und gefragt, ob sie sich einfach einmal einen Fahrer vorbeischicken können, damit sich unsere Kinder das Taxi ansehen können. Klar, waren die dort kurz irritiert – aber es ist jemand gekommen. Die Kinder durften in aller Ruhe das Taxi anschauen, der Fahrer hat ihnen einiges zu seiner Arbeit erklärt. Und ich glaube am Ende war der Besuch nicht nur für unsere Kinder, sondern auch für den Taxifahrer eine schöne und interessante Abwechslung im Alltag.  

 

Wie entsteht ein Projekt?

Ausgangspunkt für ein Projekt, das die Interessen der Kinder aufgreift, ist die aufmerksame Beobachtung und der Dialog mit den Kindern. Welche Themen beschäftigt die Kinder? Was spielen sie? Über was tauschen sie sich aus? Welche Fragen stellen sie? Welche Anregungen kommen von den Kindern selbst? 

Hat man ein Thema gefunden, das die Kinder brennend interessiert, so folgt die Frage: Wie kann ich daraus ein Angebot machen? Welche Ansatzpunkte gibt es? Welche Möglichkeiten stehen zur Verfügung? Habe ich passende Materialien? Eignet sich ein Ausflug? Kann ich die Eltern der Kinder einbeziehen?

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„Warum mache ich ein Projekt? Welchen Mehrwert haben die Kinder?“

Nachdem die Kinder in die Projektplanung mit eingebunden werden sollen, hängt die Auswahl der Ansätze natürlich auch von deren Ideen ab. Dennoch ist es aber natürlich Aufgabe der Fachkraft, sich konkrete Ziele des pädagogischen Handelns zu überlegen.

Das bedeutet: Warum mache ich aus einem Thema ein Projekt? Welche Absicht verfolge ich damit? Was soll nach dem Projekt anders sein als zuvor? Welche Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten bringen die Kinder bereits mit? Und welche sind notwendig, damit die Kinder das Thema erfassen und mitgestalten können?

 

Wie gelingt ein Projekt?

Ein Projekt ist ein Prozess. Innerhalb dieses Prozesses ist die Fachkraft dafür verantwortlich, die einzelnen Schritte zu reflektieren. Sie stößt die Auseinandersetzung an und reflektiert gemeinsam mit den Kindern die neuen Erkenntnisse. Welche Erfahrungen haben die Kinder gemacht? Wo sehen sie für sich einen Erfolg? Welche Fragen wurden geklärt und welche sind noch offen, beziehungsweise neu hinzugekommen? Anhand dieser stetigen Bestandsaufnahme innerhalb eines Projekts werden dann wiederum weitere Schritte geplant.

Dabei werden die Kinder dazu angeregt, ihre Ideen einzubringen, wo und wie man Antworten auf die offenen Fragen gewinnen kann. 

Wie hier deutlich wird, ist Projektarbeit für alle Beteiligten eine wunderbare Gelegenheit neue Erfahrungen zu machen. Kinder können noch stärker am Geschehen partizipieren. Sie bringen sich mit ihren Gedanken und ihren Fragen ein. Sie fühlen sich ernst genommen, da sie auf ihre vielen Fragen auch Antworten bekommen. Und in ihren Köpfen formt sich ein Bild.

Als Fachkraft ist es faszinierend, die Welt mit den Augen der Kinder zu sehen und mitzubekommen, wie sie ihre speziellen AHA-Momente erleben. Mit dem Versetzen in deren Perspektive können die Fachkräfte  individuell auf die Kinder und ihre jeweiligen Fragen zu einem Thema eingehen. Sie finden gemeinsam Antworten,  geben den Kindern (Gedanken-)Impulse  und regen sie zu weiteren Fragen an. 

Und so wie die beiden Jungs aus Carolas Kindertagesstätte nach einem guten Weg und den richtigen Werkzeugen suchten, so können auch wir Erwachsene tagtäglich nach passenden Werkzeugen suchen, die dazu beitragen, dass die Kinder die Welt um sie herum begreifen können.

 

oranger Balken

Im #Kita_Talk:

Kinder auf dem Motorrad_stepfolio_Blog

Die Kindergartenfreundinnen Theresa Lill (M.A. Frühpädagogik, inklusive Theaterpädagogik) und Carola Rittner (staatl. anerkannte Erzieherin, B.A. Sozialpädagogik) heckten schon früher gemeinsam Streiche aus und stellten damit ihre Kita auch schonmal auf den Kopf … Diese Zeit ist sicherlich nicht ganz unschuldig daran, dass beide beruflich dem Kita-Alltag treu geblieben sind.

 

oranger Balken

 

 

 

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