Welche Leistung Kleinkinder in scheinbar gewöhnlichen Situationen vollbringen

Kinder erschließen sich die Welt, indem sie sich forschend mit ihrer Umgebung auseinandersetzen – und diese Erforschung ihrer Umwelt geschieht mit all ihren Sinnen. Antrieb dafür ist eine ihnen von Geburt an gegebene Neugier.

Sie reagieren auf alles, was für sie unbekannt ist. Alles wird bis ins kleinste Detail untersucht und jede noch so kleine Veränderung erzeugt wieder neue Aufmerksamkeit. Diese Aufmerksamkeit ist enorm wichtig für kleine Kinder. Denn nur, wenn sie sich intensiv mit ihrer Umwelt auseinandersetzen, lernen sie, ihre Eindrücke einzuordnen und sich in ihrer Welt zurechtzufinden.

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Oftmals sieht, hört, riecht, schmeckt, fühlt, entdeckt und erlebt ein kleines Kind etwas zum ersten Mal. Dann setzt es seinen ganzen Körper und all seine Sinne ein.

Dabei verknüpft das Kind alle gesammelten Erfahrungen, um sich ein Gesamtbild der Situation zu konstruieren – eine herausragende Leistung, die Kinder tagtäglich vollbringen! In keinem Lebensabschnitt ist man so intensiv damit beschäftigt, immer wieder neue Dinge zu begreifen, wie in diesen jungen Jahren.

Diese intensive Beschäftigung mit – für uns Erwachsene – eher „nichtigen und kleinen Dingen“ ist etwas, das oftmals im hektischen (Kita-)Alltag untergeht. Und doch sind gerade diese Situationen sehr wertvoll für die Entwicklung des Kindes.

 

Fast jede Situation lädt zum Beobachten ein

Hier möchte ich Ihnen einen kleinen Eindruck davon vermitteln, was wir alles sehen können, wenn wir uns die Zeit nehmen und dem Kind unsere volle Aufmerksamkeit und Geduld schenken:

An der Bushaltestelle sehe ich, wie eine Mutter ihrem etwa elf Monate altem Sohn, der im Kinderwagen sitzt, aus einem Einweg-Plastikbecher etwas zu trinken gibt. Nachdem der Becher leer getrunken ist, macht das Kind bemerkbar, dass es den Becher haben möchte.

Zunächst nimmt es den Rand des Bechers in den Mund, lutscht daran und beißt darauf herum. Anschließend dreht es den Becher auf den Kopf, schaut hinein und spürt verwundert, wie ein paar restliche Tropfen auf sein Gesicht fallen.

Nun wird das untere Ende des Bechers in den Mund genommen, woraufhin dieser eingedrückt wird. Dabei entstehen Geräusche, die das Kind zu neuen Handlungen anregen.

Der Becher wird wiederholt mit dem Mund und den Händen eingedrückt, die gesamte Oberfläche immer wieder mit den Fingern abgefahren, bis der Becher schließlich an einer Stelle einreißt. Die scharfe Kante, die dadurch entsteht, begutachtet das Kind vorsichtig mit der Daumenkuppe und fährt damit auch die gesamte Bruchstelle ab.

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Auch der Mund dient abermals dazu, die eigens geschaffene Form des Bechers zu erkunden. Nachdem der Becher durch die Behandlung mehr und mehr an Form verliert, löst er sich nahezu in zwei Teile, die nur noch am Boden zusammenhängen.

Das Kind nimmt die eine Hälfte in die Hand, beginnt mit dem Becher zu wedeln und beobachtet, wie sich der restliche Teil des Bechers bewegt und welche Geräusche entstehen.

Der Becher wird gewendet, gedreht, einmal schneller und einmal langsamer, einmal vorsichtiger und einmal heftiger bearbeitet.

Nach etwa fünfzehn Minuten, in welchen das Kind vollkommen auf den Becher fixiert war, schaltet sich die Mutter in das Geschehen ein und zeigt eine positive Resonanz auf die Geräusche, die das Kind mit dem Schwingen des Bechers erzeugt. Das Kind nimmt diese Begeisterung auf und intensiviert dieses Spiel unter ständiger Beobachtung der Mutter.

Die positive Resonanz der Mutter scheint das Kind in seinem Verhalten zu bestätigen und ihm das Gefühl zu geben, dass seine Handlungen mit dem Becher auch für andere interessant seien.

Erst als nach circa zwanzig Minuten der Becher auf den Boden fällt, wird das Spiel des Kindes unterbrochen.

Was sagt diese Situation über das Kind aus?

Durch solch ein exploratives Verhalten und die Erfahrungen, die ein Kind mit Materialien macht, werden dessen Wahrnehmungsfähigkeiten stetig komplexer.

Ich möchte dafür sensibilisieren, auch die besondere Leistung der Kinder bei solch einer scheinbar „einfachen“ Beschäftigung zu bemerken.

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Denn wie oft erleben wir im Alltag, dass ein Kind mit einem Gegenstand auf den Boden klopft oder mit dem Spielzeugauto unermüdlich auf der Heizung herumfährt. Wie oft muss man Kinder davon abhalten, dass sie nicht die Seiten eines Buches herausreißen, Papier essen oder mit Dreck werfen.

Selbstverständlich plädiere ich nicht dafür, alle Bücher zerreißen zu lassen oder sich stundenlang dem Lärm von hämmernden Gegenständen auszusetzen.

Aber es geht um die Haltung und darum, wie man mit einem Kind umgeht, wenn es gerade die Grenzen oder Möglichkeiten von Materialien ausprobiert.


Das Kind möchte erfahren, was alles möglich ist:

– Wie lange und wie fest kann ich an einem Stück Papier ziehen, bis es die Grenze erreicht hat und kaputtgeht?

– Welche Geräusche macht ein Spielzeugauto auf einer Heizung?

– Welches Geräusch ein Stöckchen am Zaun?

– Wie weit kann eine Schaufel fliegen?

– In wie viele Teile kann ich ein Taschentuch zerpflücken?

– Schmecken der rote und der grüne Stift unterschiedlich?


Diese Auflistung könnte man noch unendlich weiterführen, denken Sie da einfach an Ihren Alltag und die Handlungen der Kinder!

Es ist wichtig, dass Kinder nicht nur die Erfahrungen machen, die wir Erwachsene ihnen vorgeben und erlauben. Sie sollen selbstständig ihre eigenen Erfahrungen sammeln  und Dinge einfach einmal ausprobieren, ohne bei jedem Ausprobieren gestört zu werden. Es gilt eine gute Strategie zu finden, um Kindern genau diesen Raum zu bieten.

Und es ist eine große Herausforderung, jeden Tag, jede Stunde und jede Minute aufs Neue das Gleichgewicht zu finden, zwischen der Freiheit der Kinder die Welt zu erkunden und gewissen Regeln, die dafür sorgen, dass kein Chaos ausbricht, bzw. kein Kind zu Schaden kommt.

Aber eine Sache können Sie sich zu Herzen nehmen: Wenn das nächste Mal ein Kind wieder ungewöhnliche Dinge tut, ein bisschen viel Lärm mit einem Gegenstand macht oder die Grenzen des Materials ausreizt, dann greifen Sie nicht direkt ein, sondern halten einen Moment inne und beobachten die Strategien des Kindes, die es benutzt, um für sich ein Bild der Dinge aufzubauen.

 

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