Welche Kinder in der Sprachentwicklung fördern?

Bei vielen Erzieherinnen und Erziehern bestehen Unsicherheiten und das Gefühl von Überforderung, wenn sie mit der Frage konfrontiert werden: Soll ein Kind Sprachförderung erhalten?

Ich kann gut nachvollziehen, wenn Eltern oder Ärzte die Erwartung haben, dass es Aufgabe der Kita sei, Sprache bei allen Kindern zu fördern, damit eine Therapie nicht mehr notwendig wird. Ich kann das Gefühl der Überforderung auch dann gut verstehen, wenn ein Kind völlig unverständlich spricht, oder wenn ein Kind Verhaltensprobleme hat, die eine Förderung in einer Gruppe unmöglich machen. Ich kann auch die Verunsicherung gut nachvollziehen, wenn Experten oder Träger den pädagogischen Fachkräften vermitteln, es sei genug getan, wenn sie „ganz normal“ mit allen Kindern sprächen.

Es macht mich nachdenklich, wenn dadurch bei den Pädagogen eine Haltung erzeugt oder verstärkt wird, man könne es doch nicht allen recht machen. Man mache einfach weiter wie bisher. Das wäre doch ein passives Entkommen aus den Anforderungen, die sich an die Professionalität von Fachkräften richten. Dazu gäbe es viel zu sagen und zu diskutieren. Lassen Sie uns hier nur einzelne Bereiche besprechen.

 

Ein erster Schritt aus diesem Dilemma ist die Frage der Bezeichnung

Richtig! Pädagoginnen und Pädagogen sollen keine Diagnosen stellen. Aber sie sollen wissen, dass nicht alles eine Sprachentwicklungsverzögerung ist. Denn bei einer Verzögerung kann man ja abwarten. Aber eine Störung muss man behandeln.

Ein verspäteter Sprachbeginn (man spricht auch von „Late Talker“) liegt dann vor, wenn das Kind im Alter von 24 Monaten einen Wortschatz von weniger als 50 Wörtern hat und keine Zwei-Wort-Sätze bildet. Der verspätete Sprachbeginn ist keine Diagnose, macht aber eine aufmerksame Beobachtung nötig, weil ein Drittel dieser Kinder später eine Sprachstörung haben wird.

Wo ist die Grenze zur Sprachstörung? Wenn Sie im Alter von 3-4 Jahren folgende Beobachtungen gemacht haben, werden Ärzte und Logopäden wahrscheinlich eine Sprach(entwicklungs)störung diagnostizieren und eine Therapie befürworten:

  • Aussprache schwer verständlich oder gar unverständlich
  • Komplexe Sätze fehlen
  • Wortschatz eingeschränkt
  • Falsche Wortordnung, z.B. mit Verbendstellung

In diesem Fall ist ein Abwarten womöglich verschlimmernd, da Sprachstörungen zu Lernstörungen werden können, immer auch eine Kommunikationsstörung sind und somit unbehandelt zu Verhaltensstörungen und Bindungsstörungen führen können.

 

Der zweite Schritt ist eine qualifizierte Beobachtung

Nur dann, wenn man sicher ist, was man gesehen und gehört hat, wenn man weiß, worauf man achten soll und wenn man weiß, wie man etwas beschreiben kann, kann man es auch einordnen und mit anderen (im Team, mit den Eltern, mit der Kinderärztin/dem Kinderarzt) besprechen. Ansonsten findet man immer das, was man immer findet. Wir alle haben ziemlich viele blinde Flecken (So sagt man beim Sehen. Wie würde das beim Hören heißen?). Diese Schwierigkeit ist keineswegs ein spezifisch pädagogisches Problem. Auch Ärzte haben das, auch Psychologen, sicher auch Ingenieure und Pastoren.

Dazu gehört, dass alle pädagogischen Fachkräfte ein immer besseres Wissen über Sprache haben. Alle sollen wissen, dass Ausspracheprobleme nicht die einzigen Sprachprobleme sind. Ein Kind, das nur Lispeln hat, wird in der Regel nicht frühzeitig behandelt. Zur Sprachentwicklung gehören auch das Sprachverständnis (auch die Bildung von Wortfeldern, die Beschreibungsfähigkeit usw.) und die Grammatik (Stellung des Verbs, Nebensatzbildung, Pluralbildung, Konjugationen, Wortauslassungen usw.). Kann man denn überhaupt so viel auf einmal erfassen? Ja, das kann man lernen.

Der Ausweg ist eine qualifizierte Beobachtung, bei der man zum systematischen Sehen und Hören angeleitet wird.

Dazu gehören:

Überprüfung des Wortschatzes mit zwei und drei Jahren

  • Wortschatz-Tagebuch
  • Elternfragebogen zur Früherkennung (SBE 2 KT, SBE 3 KT) (Sind kostenlos im Internet abzurufen, recht leicht nach Anleitung zu interpretieren und in vielen Sprachen erhältlich)

Standardisierte Pädagogische Beobachtung

  • Entwicklungsbeobachtung und -dokumentation (EBD 3-48, 48-72)
  • Beobachtungsbogen Kita (BB 1-6)

Video

  • Nehmen Sie sich und das Kind in einem gemeinsamen Spiel für fünf Minuten auf.
  • Der Beginn und das Ende müssen auch erfasst sein.
  • Interpretieren Sie das Video erst dann alleine, wenn Sie eine Anleitung oder Ausbildung darin bekommen haben.

 
Von allen Beobachtungssystemen ist der Beobachtungsbogen Kita (BB 1-6) der einzige, der eine differenzierte Beobachtung von Sprache ermöglicht.

 

Der dritte Schritt ist das Wissen darüber, welche Kinder Therapie bei Logopäden und welche Kinder Sprachförderung in der Kita haben sollten

Hier einige grundlegende Unterscheidungen. Eine medizinisch verordnete Therapie ist notwendig bei

  • Störung der Sprach- und Kommunikationsentwicklung mit Krankheitswert
  • Rückstand in der Sprachentwicklung von 6–12 Monaten
  • Bei Störungen im Rahmen einer Krankheit (Geistige Behinderung, Autismus, Mutismus, Schwerhörigkeit)

Eine Sprachförderung in einer Kleingruppe der Kindertagesstätte ist sinnvoll bei

  • Geringem Wortschatz
  • Schwächen im Satzbau
  • Mangelhafter Überbegriffsbildung
  • Unsicherheiten in der Sprachbedeutung
  • Sozial unsicheren Kindern
  • Verlangsamtem Zweitspracherwerb
  • Wenig Förderung im häuslichen Umfeld

Wenn sich Ihnen jetzt weitere Fragen stellen, z.B. welche Förderung angemessen ist oder was das für Kinder mit Deutsch als Zweitsprache bedeutet, oder Fragen zur Behandlung von Sprachstörungen, besonders bei den kleinen Kindern, dann biete ich Ihnen eine Rücksprache an (www.henning-rosenkoetter.de) und ich empfehle ich Ihnen ein paar Bücher und ein Video:

Buchvorstellung Sprache fördern in der Krippe

 

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