Partizipation als Ausdruck von Qualität. So können Sie die Qualität in Ihrer Kita steigern!

Interviewpartnerin des heutigen stepfolio-Blogs ist Ursula Günster-Schöning. Sie ist Weiterbildnerin, Prozessbegleiterin und systemische Organisationsentwicklerin. Seit Jahren begleitet sie Kita-Teams bei Veränderungsprozessen. In diesem Artikel geht sie der Frage nach, wie Partizipation und Qualität aus Kindersicht nachhaltig  in den Kita-Alltag integriert werden können.

 

Qualität in der Kita – wer ist beteiligt?

Ziel der Qualitätspolitik ist die optimale Gestaltung des Bildungs-, Erziehungs- und Betreuungsangebotes sowie die Gewährleistung einer hohen pädagogischen Qualität durch kontinuierliche Weiterentwicklungs- und Verbesserungsprozesse sowie den Ausbau der Handlungsfelder, Standards und pädagogischer Abläufe, die zum einen transparent dokumentiert und zum anderen in der Konzeption abgebildet werden.

Doch wer sagt, was gute Qualität ist?

Die Qualität in Kitas sollte daher generell aus vier wesentlichen Perspektiven beurteilt werden:

  • Der Sichtweise von Kindern
  • Der Sichtweise von Eltern
  • Der Sichtweise von MitarbeiterInnen und Leitung
  • Der Sichtweise externer Fachexperten, Träger und Öffentlichkeit

Jede Sichtweise hat mit Sicherheit ihre Berechtigung. Doch werden auch alle gleichsam gehört und berücksichtigt? Ich glaube nein.

Denn die Kinder werden in der Regel nur selten oder gar nicht befragt. Mit der Sicht der Kinder beschäftigt sich zum Beispiel die QuaKi-Studie. Diese wurde durchgeführt vom Forscherteam des Institutes für demografische Entwicklung und soziale Integration (Prof. Dr. Iris Nentwig-Gesemann, Bastian Walther, Minste Thedinga) im Auftrag der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung für das Modellprojekt „Qualität vor Ort“.

 

Wie finde ich heraus, was Qualität für Kinder bedeutet?

Wem die Meinung von Kindern wichtig ist, findet auch geeignete Wege, um diese zu erfahren. Denn die Beteiligung von Kindern ist nicht neu. Gerade in den letzten Jahren hat das Thema Partizipation extrem Fahrt aufgenommen. Viele Kindertagesstätten bieten unterschiedlichste Formen der Beteiligung an, von Gruppensprechen, Morgengesprächskreisen oder Kinderkonferenzen. Auch die Themen Beschwerdemanagement für Kinder, Mitgestaltung des Speiseplans oder Einbindung der Kinder bei Aufnahme neuer Kinder und Eltern wurde angepackt und vielfach kreativ umgesetzt.

Bildquelle: Günster-Schöning
Die Meinung der Kinder ernst nehmen

Wer jedoch wissen will, was Kinder unter guter Qualität verstehen, der braucht gute Fragen und eine dialogische sowie empathische und wohlwollende Haltung. Die Fragen sollten konkret und kindgerecht sein, denn die Frage nach guter Qualität allein ist für Kinder nicht greifbar.

Sehr wohl aber Fragen wie

  • Kommst du gerne in die Kita?
  • Und wenn ja, warum?
  • Was ist dein Lieblingsplatz und warum?
  • Bei wem fühlst du dich wohl und warum?
  • Wenn du Chef wärst, würdest du etwas ändern?
  • … etc.

Um das Warum zu beantworten, brauchen Kinder eine gewisse intellektuelle Reifung, daher bieten sich Kinderinterviews erst ab 5 Jahren an.

 

Gibt es bestimmte Ansätze/Methoden, um hilfreiches Feedback von Kindern zu bekommen?

Ich persönlich habe mit und in verschiedenen Kindergärten folgende Methoden ausprobiert:

Methode 1: Kinderinterviews

Mit einem guten Fragenkatalog, der auf die Kinder abgestimmt ist, wie z.B.

Bildquelle: Günster-Schöning
Kinderinterviews in Kitas
  • Kommst du gerne in die Kita?
  • Wo spielst du gerne?
  • Was machst du, wenn du traurig bist?
  • Zu wem gehst du dann und warum?
  • Würdest du gerne in deiner Gruppe etwas ändern?
  • Hast du einen Wohlfühlort in der Kita?
  • Einen Wohlfühlmenschen?
  • Wer ist dein Freund?
  • Stell dir vor, du bist der Chef in der Kita – was würdest du ändern?
  • … etc.

 

Methode 2: Gemeinsames Malen

Die Kinder sitzen mit mir am Maltisch und ich sage ihnen, dass ich jetzt meine Fantasie-Kita / Wunsch-Kita male. Wie die wohl aussieht? Die Kinder haben in der Regel sofort Ideen und malen auch ihre Wunsch-Kita. Die Begleitgespräche zeigen, was Kinder denken und sich wünschen.

 

Methode 3: Gruppenaktion zum Lieblingsort in der Kita

Zunächst werden alle Räume der Kita fotografiert. Danach werden die Fotos offen vor die Kinder hingelegt. Die Kinder sollen sich ihre eigenen Lieblingsorte aussuchen (max. 2 Fotos pro Kind) und erläutern, warum gerade das ihre Lieblingsorte sind. Es helfen Fragen wie:

  • Was machst du da?

    Bildquelle: Günster-Schöning
    Welchen Lieblingsort haben Kinder?
  • Spielst du da?
  • Warum ist es dort so schön für dich?
  • … etc.

Die Fotos werden auf ein großes Blatt Papier geklebt. Nachdem alle Kinder ihre Fotos aufgeklebt haben und alle Gedanken notiert wurden, betrachten alle gemeinsam das Bild mit den Lieblingsorten. Nun darf jedes Kind noch einmal abstimmen. Jedes Kind bekommt hierfür ein Klebeherz. Dieses darf das Kind auf das Foto mit seinem absoluten Lieblingsort kleben. Es ist interessant festzustellen, dass die Kinder sich an der Stelle klar für ihren Favoriten entscheiden können.

 

Methode 4: Kitarundgänge

Die Kinder erklären mir ihre Kita. Sie zeigen mir die Orte, an denen sie gerne spielen, sie zeigen mir, WAS sie gerne spielen und WO sie gerne sind … (sie zeigen mir auch ihre geheimen Orte, wenn ich danach frage).

Bildquelle: Günster-Schöning
Forschungsreise durch die Kita

An dieser Stelle möchte ich kurz auf die QuaKi-Studie verweisen.

Diese Studie finde ich für Kita-Teams sehr hilfreich, um den Alltagsprozesse zu reflektieren und sich mit dem Thema Qualität noch einmal anderes, nämlich aus Sicht der Kinder, zu beschäftigen.

 

 

 

 

In der QuaKi-Studie werden drei Qualitätsdimensionen angesprochen:

  1. Individualität und Zugehörigkeit
  2. Kompetenzerleben
  3. Autonomie und Partizipation

Ich habe diese Qualitätsdimensionen auch schon in eigenen Kitas genutzt, um mit dem Team den Transfer in den Alltag zu wagen und gemeinsam mit ihnen zu überlegen, wie wir vor Ort in dieser Kita die Meinungen und Ideen der Kinder einholen können.

 

Bildquelle: https://www.qualitaet-vor-ort.org/wp-content/uploads/2017/03/17.03.2017_Zusammenfassung_QuaKi.pdf
Kindgerecht aus Kindersicht – die QuaKie-Studie von Iris Nentwig-Gesemann, Bastian Walther und Minste Thedinga

 

Wenn man herausgefunden hat, was für die Kinder der eigenen Einrichtungen Qualität bedeutet, wie können die nächsten Schritte zur Umsetzung aussehen?

Diese Frage ist wichtig. Denn keine Befragung ohne Konsequenz. Das heißt, das Team der Kita muss sich im Vorhinein klar darüber sein, dass die Kitabefragung ausgewertet und ernstgenommen werden muss.

Das bedeutet:

  • Was machen wir mit den Ergebnissen?
  • Inwieweit haben die Ergebnisse Auswirkungen auf unsere Arbeit?
  • Ergeben sich ggf. Veränderungen und neue Ziele?
  • Wie melden wir den Kindern und Eltern zurück, was die Befragung ergeben hat?
  • Welche Konsequenzen ziehen wir daraus?

Wenn sich beispielsweise die Mehrheit der Kinder dafür ausspricht, dass Bewegung für sie das wichtigste ist, sie täglich in die Turnhalle gehen wollen und auch viel länger im Garten spielen wollen – muss sich das Team überlegen, wie sie dem Wunsch und den Bedürfnissen nach guter Bewegungsqualität gerecht werden können.

 

Wo bzw. wie kann ich ohne viel Vorarbeit und mit kleinen Mitteln konkret im Kita-Alltag ansetzen?

Die Partizipation, also die Beteiligung der Kinder, hat viel mit Haltung und Einstellung zu tun. Wenn ich als Erzieherin die Kinder ernst nehme und als Persönlichkeit akzeptieren will, muss ich mir darüber im Klaren sein, dass dies auch Auswirkungen auf mich und meine Rolle als Erzieherin hat. Meine Kontrolle und meine Macht schwinden, wenn ich das Thema ernst nehme. Denn ich lasse nun andere mitbestimmen und bestimme nicht mehr über deren Tun. Somit muss, wenn ich Partizipation wirklich durchführen möchte, zuerst bei mir selbst ein Umdenken stattfinden.

Gute Ansätze wären z.B. diese Fragen:

  • Wie gestalte ich mein pädagogisches Tun?
  • Wie spreche ich das Kind an?
  • Wie wirke ich?
  • Was mache ich?
  • Wie mache ich etwas?
  • Warum mache ich etwas?
  • Was sind Beteiligungsmöglichkeiten, die ich initiiere?
  • Wo sollte ich mich im Alltag als Erzieherin bewusst zurückhalten?
  • Was sollte ich bewusst aushalten? (Nähe und Distanz)
  • Wann muss ich wie die Beteiligung der Kinder bereichern, um das Kind in seiner Entwicklung zu unterstützen und wann nicht?

Wenn ich meine Haltung verändert habe, gehen viele Dinge scheinbar von ganz allein. Ich kann dann z.B. zulassen, dass die Kinder das Thema für die Karnevalsfeier oder das Frühlingsfest aussuchen und bereite die Themenvorschläge im Vorfeld so vor, dass die Kinder auch eine Auswahl treffen können. Ich überlege mit ihnen gemeinsam, ob die Materialien am Bauplatz noch die richtigen sind, oder ob etwas fehlt. Ich überlege mir Frageformate, um herauszufinden, wie wir das Spielen in der Eingangshalle attraktiver gestalten können und welche Regeln wir dafür bräuchten.

 

Wie kann ich anschließend herausfinden, ob sich die Qualität für die Kinder tatsächlich verbessert hat?

Am besten ist es, die Kinder erneut zu befragen:

  • Was hat sich verändert?
  • Findest du es jetzt gut, dass…?
  • Wie gefällt dir …?
  • Was können wir noch verbessern?

Und natürlich ergibt sich auch viel über die Beobachtung der Kinder im Alltag. Da kann man schnell erkennen, was sich wie verbessert oder verändert hat. Dazu bieten sich auch Formate wie die Kinderkonferenz oder der Morgenkreis an Dort können die Themen mit den Kindern z.B. über ein Vorher/Nachher-Plakat besprochen werden.

 

Was können mein Team und ich dafür tun, dass es nicht bei einem einmaligen Projekt bleibt, sondern die Qualität nachhaltig in den Alltag integriert wird?

Bildquelle: Tietze et al., 2013
Die 7 Schritte/ angelehnt an Tietze et al., 2013

Wenn Sie sich den Kreislauf der 7-Schritte betrachten, ergibt sich von selbst, dass man als Team an diesem Thema dranbleiben muss. Man könnte zum Beispiel im Team vereinbaren, dass man sich zweimal im Jahr mit dem Thema „Qualität aus Kindersicht“ in einer Teamsitzung beschäftigt. Die Zeit zwischen den Sitzungen kann wunderbar genutzt werden für die Festigung und Weiterentwicklung. So kann man beispielsweise einmal pro Halbjahr eine Befragungsmethode mit den Kindern durchführen oder mit einem Themenspeicher arbeiten, der sich im Laufe des Halbjahres füllt.

Zwei regelmäßige Reflexionsrunden innerhalb eines Kitajahres können dafür sorgen, dass alle an dem Thema dranbleiben und es in eine Verstetigung geht. In dieser Runde können Sie sich fragen, was sich wie verändert hat und warum. Und was in der Zwischenzeit beobachtet wurde.

 

Wie wichtig ist der Einfluss einer externen Person?

Als Weiterbildnerin, Prozessbegleiterin und systemische Organisationsentwicklerin begleite ich seit vielen Jahren Teams bei Veränderungsprozessen oder bei der individuellen Weiterentwicklung. Bei dieser begleitenden Arbeit habe ich erkannt, wie hilfreich die systemische Sichtweise auf die eigene Organisation sein kann und vor allem auch ist, da jede Veränderung Auswirkungen auf das ganze System hat.

Nimmt ein Team beispielsweise das Thema Beteiligung ernst und setzt die Partizipation ernsthaft um, können die Entscheidungen der Kinder (z.B. nicht am Mittagessen teilzunehmen) mit denen der Eltern (ich bezahle aber dafür, also soll mein Kind auch Mittagessen) kollidieren.

Ursula_Günster_Schöning
Ursula Günster-Schöning begleitet Kita-Teams bei Veränderungen

Würde man nicht das ganze Kita-System betrachten (Kinder-Eltern-ErzieherInnen-Träger) käme es auf kurz oder lang zu Problemen. Und gerade beim Thema Kinderbefragungen und Qualität aus Kindersicht ist dies ein wichtiger und entscheidender Punkt.

Wenn ich mit Teams arbeite, nehme ich daher die Meta-Ebene ein, spiegle Prozesse oder Wahrnehmungen, die manchmal im Alltag nicht gesehen werden oder gesehen werden wollen (Blinder Fleck) und helfe den Teams, sich gut und individuell weiterzuentwickeln oder sich zumindest auf den Weg dorthin zu machen.

Qualitätsentwicklung ist immer ein Prozess, der Anstrengungen, Zeit und auch die Bereitschaft fordert, sich und sein Tun in Frage zu stellen. Dies schaffen die Teams mit ihren vielfältigen Alltagsaufgaben oft nicht gut allein und erleben es als äußert hilfreich und zielführend, wenn jemand von außen den Weg mit ihnen gemeinsam geht.

Nach meiner Erfahrung und Überzeugung tun Menschen ohnehin nur das, zudem sie bereit und in der Lage sind. Meine Aufgabe ist es daher, für Bereitschaft zu werben und dafür zu sorgen, dass diese wachsen kann, um dann das Team dabei zu unterstützen und zu bereichern, damit sie auch selbst in der Lage sind, den nächsten Schritt allein weiter zu gehen.

 

Ich bedanke mich bei Frau Günster-Schöning für diesen interessanten Einblick. Wer noch Fragen hat oder sich intensiver mit dem Thema beschäftigen möchte, findet weitere Informationen auf: https://www.ursula-guenster.de

 
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