Eingewöhnung im offenen Konzept – Wie findet das Kind seinen Platz? #Kita_Talk

Über die Eingewöhnung der Kinder in die Kindertageseinrichtungen wird viel und kontrovers gesprochen, geschrieben und diskutiert. Doch letztlich steht fest: Egal welcher Ansatz gewählt wird, im Zentrum steht das Wohl des Kindes. Es geht darum, dass ein Kind seinen sicheren Platz in einer neuen, fremden Umgebung findet. Dass es sich wohl und nicht allein gelassen fühlt. Darum ist es meiner Meinung nach auch elementar, dass die Eltern das Kind nicht einfach nur in die Einrichtung geben und dann als dekoratives Element anwesend sind.

Sondern es so lange aktiv begleiten, bis es eine Beziehung zu den Erziehern aufgebaut hat. Denn: Um sich mit seiner Welt forschend auseinanderzusetzen braucht das Kind Sicherheit. Es braucht das Gefühl, das alles noch so unbekannte und fremdartige keine Gefahr darstellt. Dieses Gefühl können ihm die Eltern vermitteln, indem sie gemeinsam mit dem Kind diese neue Welt entdecken.

#Kita_Talk – Teil 3: 

Eingewöhnung im offenen Konzept!

Theresa Lill_stepfolio_Blog
Das „Offene Konzept“ stellt bei der Ein-gewöhnung besondere Anforderungen an Kinder, Erzieher und Eltern.

Selbstverständlich ist die Eingewöhnung immer eine große Herausforderung. Das Kind, das neu in eine Einrichtung kommt, steht vor einer Flut von Reizen: Räume, Spielmaterialien, Angebote, fremde Erwachsene und Kinder. Besonders herausfordernd gestaltet sich daher die Eingewöhnung in Einrichtungen, die nach einem offenen Konzept arbeiten. Dort gibt es keine klar definierten Gruppen, mit geschlossenen Gruppenräumen und festem Erzieherteam. Im offenen Konzept können die Kinder frei entscheiden, wo sie sich bewegen und beschäftigen wollen. Das Kind hat sozusagen die Qual der Wahl, da es so viele verschiedene Möglichkeiten gibt, mit was es sich beschäftigen und welchen Raum es betreten könnte. Das wiederum kann in den Anfängen die Unsicherheit, die ein Kind aufgrund der unbekannten Situation empfindet, vergrößern.

Auch Carolas Einrichtung arbeitet nach einem offenen Konzept, daher habe ich sie gefragt, wie sie diese Situation meistert:

Carola Rittner_stepfolio_Blog
Auch das „offene Konzept“ bietet feste Strukturen und Bezugspersonen. Es kann sogar individueller auf die Bedürfnisse der Kinder und Eltern eingehen.

Zunächst einmal ist es wichtig zu verstehen, dass „offenes Konzept“ nicht mit fehlenden Strukturen gleichzusetzen ist. Offen bedeutet, die Arbeit immer auf die Bedürfnisse der Kinder anzupassen. Daher kann es auch Sinn ergeben, dass man während der Eingewöhnung auch einmal zeitweise mit geschlossenen Strukturen arbeitet. In solchen Zeiten schließen wir die Türen unserer Räume und es gibt dann klare Zuteilungen der Kinder und Erzieherinnen auf diese Räume. Das bedeutet natürlich nicht, dass ein Kind dann ausschließlich diesen einen Raum kennenlernen darf, denn auch das Kind und die Eltern sollen den realen Alltag kennenlernen – und dieser ist nun einmal dadurch geprägt, dass sich jedes Kind frei durch unsere Einrichtung bewegen kann. Jedoch hat ein fester Raum in der Eingewöhnungszeit den Vorteil, dass sich ein Kind schneller „zuhause“ fühlt. Und es ist auch für das Personal und die Ansprechpartner der Familien einfacher, wenn sie das Kind mit seinen Eltern nicht erst in der gesamten Einrichtung suchen müssen.

 

Hier stellt sich mir gleich die nächste Frage: Inwiefern gibt es bei einem offenen Konzept in der Eingewöhnungsphase eigentlich einen festen Ansprechpartner, beziehungsweise eine Bezugsperson für das Kind? Suchen sich die Kinder diese dann auch einfach aus? Und ist es denn wirklich so sinnvoll, dass es immer die eine feste Bezugsperson gibt?

Wir handhaben das bei uns etwas anders. Durch unsere offene Arbeit, gibt es keine festen Gruppen und somit auch nicht automatisch vorbestimmte Bezugspersonen. Das Kind und auch die Eltern sollen sich im Rahmen der Eingewöhnung selbst aussuchen, zu welcher Person sie in den Anfängen ein Vertrauensverhältnis aufbauen möchten. Jedes Kind, aber auch jedes Elternteil, tickt da ein bisschen anders und da wäre es einfach schade, wenn allein an der falschen Bezugsperson eine Eingewöhnung scheitert. Auf der anderen Seite muss man aber natürlich auch bedenken, dass es schon einen gewissen Rahmen braucht und die Eltern sowie das Kind nicht unsicher von einem zum anderen Ansprechpartner wechseln sollten. Um das zu lösen, stelle ich immer ein kleines Team aus Fachkräften zusammen, die dann gemeinsam als Ansprechpartner präsent sind. Dieses Bezugsteam hat auch gleich noch einen rein logistischen Vorteil. Krankheiten, Urlaub, Fortbildungen, etc. – die eine, ausschließliche Bezugsperson ist nicht plötzlich weg und Kind sowie Eltern stehen ohne ihren festen Anker da. Es gibt immer jemanden, der auch bereits bekannt ist und eine Situation auffangen kann.

 

Ein Team als Ansprechpartner hat natürlich auch noch weitere Vorteile. In einer Phase, in der für das Kind alles noch neu ist, passiert es nicht selten, dass es nicht nur die Räumlichkeiten, Spielgeräte und die anderen Kinder kennenlernen möchte. Ebenso muss es erst einmal das Personal kennenlernen und stellt möglicherweise nach geraumer Zeit einen größeren Bezug zu einer anderen Person her. Vor allem in der anfänglich sehr sensiblen Phase unterstützt es die Kinder, wenn ein Bedürfnis so schnell wie möglich gestillt wird und das Kind nicht warten muss, bis die Bezugsperson Zeit findet. Und natürlich hört sich auch dieses Prinzip theoretisch sehr schlüssig an. Doch wenn sich Kind und Eltern die Bezugspersonen selbst aussuchen können, wie kann denn gewährleistet werden, dass das Verhältnis ausgewogen ist? Kann es dann nicht passieren, dass plötzlich eine Erzieherin mit mehreren Kindern samt Familien beschäftigt ist und niemanden gerecht werden kann? Und zwei weitere Kolleginnen haben zu dieser Zeit kein einziges Eingewöhnungskind und fühlen sich vielleicht dadurch nicht akzeptiert?

Tatsächlich passiert das in unserem Alltag eigentlich nie. Jede Pädagogin hat bei uns ihre individuellen Stärken und Charakterzüge. Ebenso wie jede Familie ganz eigene Bedürfnisse hat. So finden sich immer wieder die passenden Konstellationen. Und überleg dir einfach einmal: Wenn du irgendwo neu wärst, dann würdest du dich ja wahrscheinlich auch nicht an die Person wenden, bei der du merkst, dass sie stark eingebunden ist, sondern wendest dich automatisch einer Person zu, die dir auch ihre volle Aufmerksamkeit schenken kann. Selbstverständlich muss ich als Leitung dennoch ein Auge darauf haben, dass das Verhältnis einigermaßen ausgewogen ist. Das gilt auch für die Planung der Eingewöhnung der einzelnen Kinder. Ich muss im Blick haben, dass wir nicht zu viele Eingewöhnungen parallel laufen haben. Da wir aber sehr individuell kindbezogen arbeiten, kann die Eingewöhnungsphase unterschiedlich lange andauern. Ich kann im Voraus also nie sicher sein, ob die eine Eingewöhnung schon abgeschlossen ist, wenn eine andere startet.

 

Die Eingewöhnung stets auf die individuellen Bedürfnisse des Kindes (und auch der Eltern) anzupassen, ist eine große Herausforderung. Dies gilt natürlich nicht nur für die Arbeit im offenen Konzept. Selbstverständlich geht man davon aus, dass das eine Kind etwas mehr Zeit braucht, während ein anderes Kind sich nach ein bis zwei Tagen bereits wundert, warum denn die Eltern immer noch da sind. Und dabei gibt es auch immer wieder Ausreißer zu bewältigen – die auch nicht unbedingt vorhersehbar sind.

Vor einiger Zeit wurde bei uns ein zwölf-monatiges Mädchen eingewöhnt, deren Bruder bereits in unserer Einrichtung war. Bei ihm lief die Eingewöhnung damals auch ohne Probleme ab, er fühlte sich schnell wohl und konnte sich mühelos von seinen Eltern trennen. Die Schwester war oft mit dabei, wenn der Bruder abgeholt wurde und so kannte sie mehr oder weniger von Geburt an unsere Einrichtung. Auch die Erzieherinnen waren damit keine vollkommen fremden Personen. Als nun die Eingewöhnung des Mädchens anstand, sah es zunächst nach einem Selbstgänger aus. Die Mutter, wie auch das Personal gingen die Sache relativ entspannt an. Doch wir stellten bald fest, dass wir in diesem Fall vor einer größeren Herausforderung standen. Auch nach mehreren Tagen zeichnete sich ab, dass eine erste Trennung nicht funktionieren würde. Das Mädchen saß ununterbrochen auf dem Schoß der Mutter und konnte sich keine Minute lösen. Das Ende vom Lied war, dass die Mutter vier Wochen lang jeden Tag bei uns mit in der Einrichtung war, bis das kleine Mädchen angekommen war und sich sicher fühlte. Das konnte man daran erkennen, dass sie anfing, sich von der Mutter wegzubewegen und zu spielen. Zum Glück stand die Mutter nicht unter Zeitdruck. Im Nachhinein bin ich immer noch beeindruckt, wie entspannt sie Tag für Tag aufs Neue gekommen ist.

Dieser Fall zeigt, wie wichtig es ist, genügend Zeit mitzubringen und sich selbst nicht unter Druck zu setzen. Ich kann mir gut vorstellen, dass der ein oder andere bei diesem Beispiel denkt, dass es eher unrealistisch ist, sich so viel Zeit nehmen zu können. Schließlich muss man als Elternteil auch wieder arbeiten gehen oder hat andere Verpflichtungen. Aber gerade darum ist es umso wichtiger, rechtzeitig mit der Eingewöhnung anzufangen, damit man sich nicht selbst und auch dadurch das Kind unter Druck setzt, weil es zu einem gesetzten Zeitpunkt einfach funktionieren muss.

 

Wann ist ein Kind denn jetzt wirklich eingewöhnt?

@claudiapaulussen

Man spricht sehr viel darüber, dass man jedem Kind genügend Zeit für die Eingewöhnung geben muss.  In diesem Zusammenhang stellt sich aber auch die Frage: Wann ist eine Eingewöhnung eigentlich „vorbei“? Im Groben kann man festhalten, dass das Kind seinen Platz in der Gruppe gefunden haben muss. Wobei das eigentlich auch wieder nicht unbedingt viel heißt, da sich das Kind ja immer wieder neu orientiert. Folgende Anhaltspunkte können darauf hinweisen, dass ein Kind wirklich eingewöhnt ist.

  • Das Kind kann sich trennen, es geht aktiv in das Gruppengeschehen und löst sich von den Eltern
  • Das Kind lässt sich trösten und bei Aufregung beruhigen
  • Das Kind erkennt den Kita-Alltag als seinen Alltag, es möchte bspw. in Abholsituationen seinen Eltern Dinge zeigen, ihnen einen Einblick in „seine Welt“ geben
  • Das Kind fühlt sich im Geschehen wohl, es will weiterspielen, wenn die Eltern kommen
  • Das Kind geht gerne in die Einrichtung, fragt aktiv danach, will bspw. auch am Wochenende gehen
  • Das Kind identifiziert sich mit der Einrichtung, es spricht von seiner Einrichtung („Meine Kita“)

Auch ich erinnere mich noch daran, wie sehr ich mich mit meinem Kindergarten identifiziert habe. Der eigene Kindergarten war etwas Besonderes – in meinen Kindesaugen natürlich der beste überhaupt. Diese Identifikation ging so weit, dass selbstverständlich auch nur meine Fröschegruppe die einzig wahre war. Als Kind hatte ich das Gefühl, das große Los gezogen zu haben, denn ich hatte natürlich die besseren Erzieherinnen, in meiner Gruppe waren die netteren Kinder und sowieso war in meiner Fröschegruppe alles am besten.

Rückblickend kann ich eine Sache mit großer Sicherheit sagen: Dieser Blick war höchst subjektiv. Doch warum fand ich alles bei mir besser? Warum irritierte mich die Mäusegruppe? Und warum fand ich es total abwegig, dass es in dem Kindergarten gegenüber auch schön sein könnte?

Ganz einfach: Es war mir fremd. Ich war eben nur in meiner Einrichtung, in meiner Gruppe eingewöhnt. Hätte meine Einrichtung damals nach einem offenen Konzept gearbeitet, wären mir die anderen Kinder uns Erzieherinnen sicherlich weniger suspekt gewesen. Aber ich fühlte mich so wohl, hatte in meiner Gruppe meine Freunde gefunden und fand keinen Grund, warum ich dieses Wohlbefinden aufgeben sollte. Und eben dieses Gefühl sollten alle Kinder in Bezug auf ihre Einrichtung haben: Sie sollen der Überzeugung sein, dass alles, so wie es ist, am Besten ist – und das funktioniert wenn sie sich sicher und wohl fühlen.

 

oranger Balken

Im #Kita_Talk:

Kinder auf dem Motorrad_stepfolio_Blog

Die Kindergartenfreundinnen Theresa Lill (M.A. Frühpädagogik, inklusive Theaterpädagogik) und Carola Rittner (staatl. anerkannte Erzieherin, B.A. Sozialpädagogik) heckten schon früher gemeinsam Streiche aus und stellten damit ihre Kita auch schonmal auf den Kopf … Diese Zeit ist sicherlich nicht ganz unschuldig daran, dass beide beruflich dem Kita-Alltag treu geblieben sind.

 

oranger Balken

 

 

 

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