Digitalisierung ist kein Selbstzweck – Wie digitale Medien in Kitas wirklich etwas bringen!

Neue Dinge und unbekannte Phänomene stellen jeden erst einmal vor eine große Herausforderung. So ist es auch mit dem Einzug von digitalen Medien in den pädagogischen Alltag. Es gibt bei uns noch sehr wenig erprobte Modelle und kaum Erfahrungsberichte.

Was liegt daher also näher, sich einfach einmal in anderen Ländern umzusehen: Welche Haltung nehmen die Menschen dort der Digitalisierung gegenüber ein? Wie werden digitale Medien in pädagogischen Kontexten eingesetzt? Welche Hürden und welche Chancen gibt es? Und was können wir davon lernen?

Genau diese Fragen haben Jens Buchloh, CEO der ergovia GmbH, nach Estland geführt.

Estland ist PISA-Europameister und nahezu flächendeckend digitalisiert. Die Annahme liegt also nahe, dass der hohe Bildungsstandard der Kinder mit der Digitalisierung zusammenhängt. Jens Buchloh hat sich auf seiner Reise dabei vor allem auch mit der Frage beschäftigt, ob tatsächlich die digitalen Medien den Bildungserfolg ausmachen, oder ob doch ganz andere Faktoren diesen maßgeblich beeinflussen.

Und so hat ihn sein Weg auch in eine Kindertagestätte geführt.

Seine Eindrücke schildert er an dieser Stelle selbst:

 

Jens Bochloh CEO ergovia in Estland digital literacy

Digitalisierung in estnischen Kitas

Im Rahmen meines Filmprojekts zum Thema Digitalisierung im estnischen Bildungssystem bin ich heute in Viimsi, einem Tallinner Außenbezirk. Dort besuche ich auf Empfehlung des estnischen Bildungsministeriums eine Kindertageseinrichtung.

Estland ist das digitalisierteste Land der Welt! Wir rechnen daher mit einer komplett durchdigitalisierten Kita: Roboter im Einsatz, digitale Austauschplattformen zwischen Kita und Eltern, Kindern mit Transpondern, die auf Schritt und Tritt digital getrackt werden, und so weiter. Aber es kommt dann doch etwas anders…

Wir sind in der Einrichtung Väike Päike Lasteaed (dt.: Kita Kleiner Sonnenschein). Bei dem Namen der Einrichtungen kann ich also schon einmal keinen Unterschied zu unseren deutschen Einrichtungen feststellen.

Am Eingang müssen mein Kameramann Sascha und ich erst einmal brav unsere Schuhe ausziehen. Die Einrichtungsleitung Grete Miilen begrüßt uns herzlich und gibt uns anschließend einen Einblick in den Alltag ihrer Einrichtung.

Grete führt uns durch sehr helle und mit viel Liebe gestaltete Räume. Was uns direkt auffällt: Tablets und PCs geben hier nicht den Ton an, sondern sind ein Teil einer durchaus sehr haptischen Welt. Wir sehen Langlaufski auf der Terrasse, zwei Turnräume und einen Musikraum mit großem Piano. Sehr sympathisch!

Digitalisierung in Estlands Kitas digital literacy

 

Im Zentrum des Geschehens steht auch in dieser Einrichtung das Kind

Die Individualität und freie persönliche Entfaltung sind hier oberstes Gebot. Dabei werden die Kinder in jeder Gruppe von einer studierten Fachkraft und einer pädagogischen Helferin betreut. Deren Arbeit wird durch das Curriculum des estnischen Bildungsministeriums geprägt. So hat jede Kita klar formulierte Bildungsziele, wie z.B. die Lese- und Schreibkompetenz, die sie passend zu ihrem Konzept weiter für sich ausdifferenzieren.

Es gilt der Grundsatz, den Pädagogen den Weg zum Erreichen der Ziele nicht vorzuschreiben. Sie können den Prozess nach eigenem Ermessen frei und kreativ gestalten.

 

Digital Literacy in der Kita

Bei diesen Bildungszielen fällt mir nun doch ein erster großer Unterschied auf: Denn ein sehr wichtiges Ziel ist hier die Vermittlung einer digitalen Literacy von frühester Kindheit an. Digitale Literacy geht deutlich über die klassische Lese- und Schreibkompetenz und Sinnverständnis von Texten hinaus. Der Begriff Literacy wird auf die gesamte digitale Welt ausgeweitet und bezieht sich darauf, dass sich Kinder systematisch und eben nicht willkürlich mit dieser Welt, in die sie ganz besonders im Smart Country Estland hineinwachsen, auseinandersetzen. Sie sollen ein Gefühl für die digitale Umgebung, deren Funktionsweisen und produktiven Einsatz bekommen. Das fängt beispielsweise mit kleinen Bienenrobotern (BeeBots) an, mit denen sie spielerisch zählen lernen können.

Kita Estland Kinder mit Beebots digital literacy

Bei all der Digitalisierung ist es wichtig, das Zusammenspiel einzelner Komponenten zu betrachten: Nicht alles, was digital ist, ist automatisch besser. Auch analoge Wege und Strategien sind mindestens genauso bedeutend. Es ist kein Entweder-oder, sondern ein Und.

Besonders schön wird mir das beim Beobachten des Geschehens deutlich. Hier sehe ich, wie die Tablets mitten im Raum herumliegen und von den Kindern nicht weiter beachtet werden, weil gerade ein gemeinsam gemaltes Bild wichtiger ist. Ich blicke in einen anderen Raum und sehe wiederum, wie die Kinder konzentriert über eine Tablet-App Buchstaben eintippen und fertige Wörter dann mit Farben hinterlegen.

Was die beiden Gruppen gemein haben? Die Kinder arbeiten fokussiert und konzentriert an ihrer Sache. Hierauf legen Gretes Kollegen auch besonderen Wert. Die Kinder sollen ihre Aufmerksamkeit in kleinen Gruppen bewusst auf eine Sache richten. Dieses Bewusstsein für Handlungen erstreckt sich dabei über sämtliche Bereiche, nicht nur wenn die Kinder an etwas arbeiten. Das fängt bereits beim Frühstück an, das in auffälliger Ruhe sehr bewusst zelebriert wird.

 

Die Rolle der Entwicklungsdokumentation

Auch in diesem Kindergarten ist das Thema Entwicklungsdokumentation sehr präsent. Und auch hier spielt die Digitalisierung wieder eine Rolle. Zur Dokumentation der Entwicklung setzt die Einrichtung ein selbst entwickeltes Softwaresystem ein. Die Software liegt dabei in der Kita und ist noch nicht für alle Beteiligten über das Internet verfügbar.

Die Betonung liegt hier auf dem Wörtchen noch. Denn der estnische Staat plant auch im Kita-Sektor die Einführung einer digitalen Austauschplattform für Kitapädagogen und Eltern, wie sie bereits mit eKool (eSchule) an den Schulen erfolgreich zum Einsatz kommt.

Smartboards in estnischer Kita digital literacy

Ich frage Grete, ob sie bei dem Gedanken der Einführung eines solchen Systems nicht in Sorge sei, weil damit die Arbeit für Eltern vollkommen transparent werden würde. Eine Sorge, die bei uns ja doch recht weit verbreitet ist. Daraufhin fragt sie mich zurück, warum sie in Sorge sein sollte. Schließlich würde das System die intensive und partnerschaftliche Elternzusammenarbeit erleichtern.

Eine sehr spannende Haltung: Ich merke, dass sie hier eine andere Perspektive einnimmt –  weg vom Kontrollmedium, hin zum gemeinsamen Informationsportal. Und da eine intensive Zusammenarbeit mit den Eltern für Grete und ihr Team der Schlüssel für eine erfolgreiche Kita-Arbeit ist, sieht sie, wie die digitale Abbildung sie dabei noch mehr unterstützen kann.

Insgesamt kann ich sagen, dass ich den Umgang mit digitalen Medien sehr pragmatisch erlebe, immer mit dem Blick dafür, ob der Einsatz wirklich sinnvoll ist. Daher wird auch nicht alles, was möglich ist, durch eine digitale Variante ersetzt.

Digitales und analoges läuft gleichwertig nebenher. Das wohl Auffälligste dabei ist, dass nichts auffällt! Medien stellen keinen Fremdkörper dar, sie sind kein „Ding von außen“.

Die an diesem Tag wohl auffälligsten Fremdkörper ziehen sich in Form von Sascha und mir am Mittag wieder die Schuhe an und machen sich mit vielen interessanten Eindrücken im Gepäck weiter auf die nächste Erkundungstour.

 

Wer sich über dieses Thema austauschen möchte, kann sich gerne mit Jens Buchloh per Mail oder über Twitter in Verbindung setzen.

 
 
 

 

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