Die Situation der Kitas in Deutschland – ein Interview mit Dr. Ilse Wehrmann

Bildung ist die wichtigste Ressource unseres Landes, die es uns ermöglicht, auch in Zukunft wettbewerbsfähig zu bleiben. Bildung beginnt nicht erst mit dem Eintritt in die Schule, sondern von Anfang an: mit der Geburt.“ 

 

Dieses Zitat stammt von Dr. Ilse Wehrmann, Sachverständige für Frühpädagogik. Frau Wehrmanns Expertise im Bereich der Frühkindlichen Bildung ist nicht nur von Akteuren aus der Wirtschaft, sondern auch stark von unserer Bundesregierung gefragt. Ich freue mich sehr, sie heute wieder zu dem wichtigen Thema der Kita-Qualität interviewen zu können.

 

Frau Dr. Wehrmann, wir hatten uns bereits im September 2016 auf dem ergovia Fachtag Kita über die Qualität in deutschen Kitas unterhalten (Zum Interview „Bildunsgqualität in Kitas“). Wie hat sich die Situation in Deutschland seit unserem letzten Treffen verändert?

Bildung ist die wichtigste Ressource unseres Landes, die es ermöglicht, auch in Zukunft wettbewerbsfähig zu bleiben. Bildung beginnt nicht erst mit dem Eintritt in die Schule, sondern von Anfang an mit der Geburt.

Ich glaube hierüber haben wir kein Erkenntnisproblem in Deutschland, sondern eher ein Umsetzungsproblem. Das liegt natürlich einerseits auch an dem föderalen System und daran, dass wir lange in dem Bereich wenig geforscht haben und es den einzelnen Ländern und Kommunen überlassen haben, wie sie arbeiten. 

Ich behaupte ja immer, dass die Entwicklung von Kindern in den ersten sechs Jahren von der Entwicklung eines Kindes und dem Familienbild eines Bürgermeisters abhängt. Deshalb glaube ich, muss dieses Thema zur Chefinnensache werden – zur Chefinnensache der Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland.

Die Bundesregierung ist an dieser Stelle gefragt: Wo setzt sie besondere Schwerpunkte? 

 

Was muss Ihrer Meinung nach noch getan werden, um die Qualität weiterhin voranzutreiben? Wer sind für Sie entscheidende Impulsgeber/Antreiber?

Ich glaube, dass wir wichtige Entscheidungen in der Jugend- und Familienminister-Konferenz in 2017 hatten. Mit vier „Ja“-Stimmen und nur einer Gegenstimme und einer Enthaltung, das war parteiübergreifend sozusagen. Hier sind Eckpunkte für ein Bundesqualitätsgesetz festgelegt worden. Das war für meine Begriffe eine hervorragende Weichenstellung für die Kita-Politik in Deutschland.

Und enttäuschend ist, was jetzt in den Koalitionsverhandlungen steht. Wir bräuchten insgesamt im Grunde 10 Mrd. Euro für eine Qualitäts- und Quantitätsverbesserung. Unser Augenmerk in Deutschland richtet sich aber immer noch – das ist natürlich auch wichtig – auf die Quantität, aber wir dürfen die Qualität nicht aus dem Auge verlieren. Deshalb plädiere ich für das Einrichten von „runden Tischen“ in den jeweiligen Kommunen und Ländern, um mit beidem voranzukommen. Dennoch muss der Impuls über einen Kindergipfel im Kanzleramt erfolgen, dort finden ja auch Automobilgipfel statt, warum nicht auch ein Kinder- und ein Bildungsgipfel? 

 

 

Sie sprachen in einem Interview von Qualitätskontrollen in Kitas. Wie können diese aussehen? Haben Sie das Gefühl, dass dadurch die Qualität gesteigert wird?

Das habe ich ganz eindeutig. Bisher ist es jedem Erzieher, jeder Erzieherin überlassen, wie er oder sie arbeitet. Jedem Träger, in welcher Philosophie er seine Einrichtungen betreibt und auch jeder Fachberatung, wie sie berät. Wir brauchen eine einheitliche Philosophie – einen Bildungsplan – wie beispielsweise Schweden und wir brauchen eine Qualitätskontrolle, damit nicht beliebig ist, wie mit Kindern in diesem Land pädagogisch gearbeitet wird. Hier gibt es gegenwärtig ein großes Nord-Süd und Ost-West-Gefälle. Nur in Berlin wird die Qualität kontrolliert, daran hängt die Finanzierung einer Kindertagesstätte. Dies wünsche ich mir für ganz Deutschland. 

 

Sie waren Mitglied in einem von Frau Angela Merkel initiierten Zukunftsdialog, in dem wichtige Fragen zur Zukunft Deutschlands diskutiert wurden. Die Ergebnisse sind in dem Buch „Dialog über Deutschlands Zukunft“ nachzulesen, welches die Bundeskanzlerin 2012 herausbrachte. Inwiefern haben Sie das Gefühl, dass die frühkindliche Bildung in der Politik Beachtung findet und denken Sie, dass in den nächsten Monaten einschneidende Veränderungen anstehen?

Ich glaube, es ist der Politik schon bewusst, dass dem frühkindlichen Bereich politisch mehr Beachtung geschenkt werden muss, aber so viele aktuelle Themen überschatten dieses Thema der frühen Bildung. Meiner Meinung nach haben wir einen extremen Handlungsbedarf in Deutschland im Bereich Pflege und Bildung und das schließt für mich die frühe Bildung mit ein.

Ich finde es eine falsche Weichenstellung, überall von Beitragsfreiheit zu reden. Das darf man nicht aus dem Auge verlieren, aber wir haben so viele Großbaustellen in der Quantität und in der Qualität. Ich berate gegenwärtig viele Kommunen, die sehr schnell von heute auf morgen Kitas aus dem Boden stampfen müssen, weil zurzeit sehr viele Kinder gar keinen Kindergarten- / Krippenplatz bekommen. Hier hatten wir ein Konjunkturprogramm für die Bauindustrie und hier sind wir gefordert für den Bildungsbereich nachzulegen.

Dialog_ueber_Deutschlands_Zukunft
Bildquelle: http://www.ilse-wehrmann.de/cms/WEC-Newsletter_5.pdf

 

Vom großen Ganzen zu den einzelnen Akteuren: Welche Wünsche haben Sie an das pädagogische Fachpersonal in den Kindertageseinrichtungen?

Ich denke, wir müssten die Bildungspyramide so aufstellen, das nach unten die Bestausgebildetsten, die Bestbezahltesten und die am besten geeigneten Pädagogen sind. Das lässt sich zum Beispiel über Assessments erreichen: Wer ist geeignet für diesen Bereich? Einmal im Hinblick auf fachliche Kompetenzen, aber auch im Hinblick auf Feinfühligkeit und Empathie. Was wir hier an Grundlagen versäumen in den ersten sechs Jahren, ist nur sehr schwer nachzuholen.

„Früh investieren statt spät reparieren.“ Das bedeutet aber eine andere gesellschaftliche Wertschätzung der ersten Jahre, die sich in der Ausbildung, in dem Hochschulabschluss und in der entsprechenden Vergütung ausdrücken muss. Und auch hier haben wir Nachholbedarf. Man hat in Deutschland immer mit der Philosophie gelebt: „Je kleiner die Kinder, desto schlechter kann die Ausbildung sein“ und da sind wir noch nicht über den Berg, was die gesellschaftliche Bewertung betrifft.

 

 

DIE ideale Kita gibt es sicherlich nicht, da es verschiedenste pädagogische Ansätze und Konzeptionen gibt. Können Sie dennoch Punkte nennen, die für Sie eine Kita erfüllen muss, sodass diese als „ideal“ bezeichnet werden könnte?

Das ist, finde ich, ein Reichtum für unser Land, aber alle sollten sich sozusagen zu einheitlichen Standards verpflichten und nicht am Mindestmaß orientieren, sondern eher am Maximum. Der Weg ist das Ziel. Vielleicht müssen wir uns fünf Jahre geben, um diese Qualitätsstandards einheitlich zu erreichen, aber dafür muss es eine Initiative der Bundesfamilienministerin und der Bundeskanzlerin geben – als Startschuss für diesen Bereich. Ich glaube, dass Länder und Kommunen mittlerweile sehr viel aufgeschlossener sind – gerade auch durch die Aufhebung des Kooperationsverbotes – hier an einem Strang zu ziehen. Inzwischen sind auch die Träger überzeugt, dass wir uns auf den Weg machen müssen, für eine neue innovative Bildung in unserem Land, über ein Bundesqualitätsgesetz und über eine Qualitätsüberprüfung.

 

Wie stehen Sie digitalen Medien in Kindertageseinrichtungen gegenüber und zu welchen Zwecken finden Sie diese besonders sinnvoll?

Bei digitalen Medien haben wir, glaube ich, auch viel Nachholbedarf. Weltweit habe ich den Einsatz von Medien auch in den Kindergärten gesehen. Ich bin etwas zurückhaltend, inwieweit der Einsatz sinnvoll ist im Kindergarten. Punktuell ist er sicher gut, wenn die Pädagogen eine gute Einstellung dazu haben. Meine Sorge ist, dass Kinder zu sehr allein gelassen werden mit den Medien, weil sie schon zuhause in den Elternhäusern häufig viele Medien konsumieren. Hier muss der Kindergarten gegenüber den Elternhäusern ein gewisses Gegengewicht und eine sehr gezielte Initiative bilden. Aber gerade im Hinblick auf Erziehungs- und Bildungspartnerschaften ist dieses Thema sehr wichtig. Übrigens auch, was die Ausbildung der Pädagogen betrifft. Wir haben es schließlich mit vielen akademisch gebildeten Eltern zu tun und wenn man sich auf Augenhöhe in Erziehungs- und Bildungspartnerschaften begegnen will, dann brauchen Erzieher eine vergleichbare Qualifikation, vor allem auch die Leiter/innen. 

 

Den Bildungsanspruch im Hinterkopf: Auf was sollten Kindertageseinrichtungen in Deutschland am meisten Wert bei der Bildungsvermittlung legen?

Da fällt mir ein Goethe-Zitat ein: „Kinder brauchen Wurzeln und Flügel.“ Ich glaube sich hierauf zu konzentrieren, macht sicher Sinn. Die Kinder einerseits zu beheimaten, zu verwurzeln in unserer europäischen, deutschen Kultur, aber sie auch offen zu machen für andere Dinge. Dazu zählt auch der Umgang mit multiprofessionellen Teams. Hier sehe ich eine große Chance, wenn es entsprechend begleitet wird und Mitarbeiter auch dementsprechend qualifiziert werden. Unausgebildetes Personal kann ich mir überhaupt nicht vorstellen in diesem Bereich. In der Medizin käme auch niemand auf die Idee, nichtausgebildete Ärzte den Blinddarm rausnehmen zu lassen. Das fällt im Bildungsbereich immer nur jemandem ein, wenn es um die frühe Bildung geht.

Ich hoffe, dass wir hier zu einem Ruck in Deutschland zu mehr Kinderfreundlichkeit, zu mehr Entschlossenheit kommen. Aber es wird nicht ohne Geld gehen. Ich behaupte, 10 Milliarden fehlen jedes Jahr! Und die eine Milliarde, die jetzt vorerst ab 2019 zur Verfügung gestellt wird, ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein und wird alleine schon verschlungen durch den Bau von Kitas. Damit ist noch keine Qualitätsoffensive verbunden. Aber „früh investieren, statt spät reparieren“ ist das Motto. Hier ist Handlungsbedarf auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene. Aber auch die Wirtschaft ist gefragt, vielleicht in eine Bundeskinderkasse, in ein Gutscheinsystem mit einzuzahlen. Vielleicht auch Sozialversicherungsträger, denn die profitieren später am meisten von gut gebildeten Erziehern.

Unsere Kinder, die wir jetzt in den Einrichtungen haben, werden die Leistungsträger unserer Gesellschaft sein. Und sie kriegen eine alternde Gesellschaft auf die Schultern geladen. Jetzt sind wir also gefordert, das Portemonnaie aufzumachen, um ihnen die besten Startchancen zu geben. Bildung ist die einzige Ressource, der einzige Rohstoff, den wir in unserem Land haben. Deshalb gehören Kinder an die erste Stelle der Gesellschaft.

 

 

Wer noch mehr über Frau Dr. Ilse Wehrmann erfahren möchte, der findet weitere Informationen auf ihrer Website.

 
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