Partizipation der Kinder – ein Interview mit Christine Krijger-Böschen

Partizipation in der Kita ist ein großes Thema. Heute spricht Christine Krijger-Böschen im ergovia Expertenforum über Partizipation der Kinder. Nächste Woche wird Marion Lepold auf die Partizipation im Kontext der Portfolioarbeit eingehen.

Christine Krijger-Böschen ist Erzieherin und Fachwirtin für Organisation und Führung. Als Supervisorin begleitet sie Kindertagesstätten bei ihrer konzeptionellen Weiterentwicklung. Einer ihrer Schwerpunkte ist dabei die Partizipation der Kinder.

Das komplette Interview gibt es auch zum Anschauen:

Was verbirgt sich hinter dem großen Begriff der Partizipation?

Wir haben eine schöne Definition von Richard Schröder, die ich immer sehr gerne hernehmen will, denn Richard Schröder hat es in einen Satz gepackt. Er hat gesagt: „Partizipation bedeutet Entscheidungen, die dein eigenes Leben und das Leben der Gemeinschaft betreffen, zu teilen und gemeinsam Lösungen für Probleme zu finden.“ Ich würde das noch gerne für mich ergänzen: „Gemeinsam Lösungen für Probleme zu finden, sodass möglichst wenige Menschen, am besten gar niemand, sich dabei als Verlierer fühlt.“ Wenn man sich diesen Satz nochmal anschaut und sich auf der Zunge zergehen lässt und wenn wir in den Teams darüber sprechen: „Was bedeutet das denn? ‚Entscheidungen, die dein eigenes Leben und das Leben der Gemeinschaft betreffen‘? ‚gemeinsam Lösungen zu finden‘?“ Dann kommen wir sehr dahin, dass wir merken, wir können das nicht losgelöst von unserem Alltagsleben betrachten. Das kann kein Event sein. Ich kann nicht sagen: „Ich mache jetzt mal Partizipation! Wir machen Kinderkonferenz, immer Montag von 9:00 Uhr bis 09:30 Uhr ist bei uns Partizipation.“ Das funktioniert nicht, sondern es bedeutet tatsächlich, Kinder an der gesamten Alltagsgestaltung zu beteiligen.

 

Wie können auch die Kleinsten schon Entscheidungen treffen?

Je jünger die Kinder sind und je weniger sie noch über sprachliche Werkzeuge verfügen, desto mehr sind sie darauf angewiesen, dass da Pädagogen sind, die sehr aufmerksam, sehr achtsam beobachten und sich sehr viel Mühe geben mit der Beziehungsgestaltung. Das fängt bei den Jüngsten damit an, dass ich genau hinschaue, dass ich mir eine Zustimmung hole: „Möchtest du hochgenommen werden?“ Dass ich warte, bis das Kind mir ein Signal gibt, dass ich mir beim Wickeln Zeit lasse, dass ich, wenn das möglich ist, dem Kind die Wahl stelle: „Mit wem möchtest du gehen? Gehen wir jetzt oder gehen wir später?“ Dass ich beim Essen eine Auswahl zur Verfügung stelle, sodass auch junge Kinder das gesamte Werkzeug zum Essen da haben, auch wenn sie noch lange nur allein die Gabel in der Hand halten und damit eifrig essen. Dass sie diese Möglichkeiten erfahren, dass sie Respekt erfahren vom ersten Tag ihres Lebens an und dass sich das durchzieht wie ein roter Faden. Das ist der Anfang.

Krijger-Bösche_im_ergovia_Experteninterview

 

Gibt es Grenzen der Partizipation? In welchen Situationen muss man Entscheidungen für Kinder treffen?

Da gibt es für mich eigentlich die ganz klare Grenze, wenn Gefahr an Leib und Leben da ist und auch da müssen Erzieherinnen sehr genau hinschauen. „Besteht wirklich Gefahr an Leib und Leben oder unterliege ich meinen eigenen Befürchtungen?“ Selbst das muss man genau prüfen. Aber ansonsten gibt es eigentlich keinen Bereich, in dem Partizipation nicht möglich ist. Was nicht umgedreht bedeutet, Kinder dürfen jetzt alles machen, was sie wollen. Wir brauchen Pädagogen, und damit fängt es an, die sich dafür entscheiden: „Wir wollen Kinder teilhaben lassen. Wir wollen Kinder beteiligen.“ Und sich dann mit den anderen Pädagogen im Haus darauf verständigen: „An welchen Stellen wollen wir das jetzt tun? Und wie?“ Es braucht auch ein Fachwissen, es braucht auch eine Methodenkompetenz, aber es fängt mit dem Wollen an. Es ist niemandem gedient, wenn Pädagogen oder Teams sich jetzt überfordern, aus dem Gedanken heraus: „Wir haben eine rechtliche Verankerung von Partizipation. Wir müssen jetzt alles den Kindern zugestehen.“ Dann geht das in die Überforderung und damit ist niemandem gedient. Das hilft den Kindern auch nicht. Sich genau anzuschauen: „An welchen Stellen können wir das jetzt leisten?“ und dann kleine Schritte gehen. Das ist der bessere Weg. Aber kleine Schritte gehen heißt auch Schritte gehen. Meine Erfahrung ist, wenn Teams begonnen haben, diese Schritte zu gehen, dass sich die Möglichkeiten der Kinder sehr schnell weiten, weil es eigentlich insgesamt durchweg nur zu guten Erfahrungen kommt.

 

Wie können Kinder ein Bewusstsein für die eigene Handlungsmacht entwickeln?

Das können sie nur durch das Erleben. Das ist der einzige Weg. Das kannst du nicht lernen, wenn dir das jemand erzählt. Du musst es spüren, wie es sich anfühlt. „Dieses Projekt ist gekommen, weil ich diese Frage gestellt habe!“ oder „diesen Vorschlag gemacht habe!“ „Wie fühlt sich das an, wenn wir alle gemeinsam an etwas arbeiten und es dann schaffen? Wie fühlt sich das an, wenn ich auch in einer Konfliktsituation respektiert werde?“ Das sind alles Dinge, die müssen wir spüren und dann mündet das in das Gefühl: „Ich kann etwas bewirken auf dieser Welt!“ Ich bin überzeugt, wenn wir viele Kinder haben, die spüren: „Ich kann etwas bewirken auf dieser Welt!“, dann werden wir auch viele Erwachsene haben, die etwas bewirken. Man stelle sich so eine Gesellschaft vor, in der alle das als Kinder schon gespürt haben. Das ist mein Traum.Christine_Krijger-Böschen_ergoviaFachtag2016

 

Wer sich gerne mit Christine Krijger-Böschen in Verbindung setzen möchte, der findet alle Informationen auf ihrer Website.

 
 
 

 

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