Bildungsdokumentation in der Kita – ein Interview mit Prof. Dr. Helen Knauf

Ich freue mich sehr darüber, mit Prof. Dr. Helen Knauf eine Koryphäe auf dem Gebiet der Bildungsdokumentation begrüßen zu können. Frau Knauf ist Professorin für Pädagogik der Frühen Kindheit an der Hochschule Fulda. Ihre Forschungsgebiete sind u.a. Bildungsdokumentation in pädagogischen Institutionen, Medien in der Kindheit und Inklusion.

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Frau Prof. Dr. Knauf, es gibt verschiedene Ansätze und Systeme, um Bildungsprozesse von Kindern zu dokumentieren. Welche Faktoren bestimmen für Sie eine gute Bildungsdokumentation?

Zunächst ist es wichtig, dass Klarheit darüber besteht, wozu die Bildungsdokumentation dienen soll. Geht es eher um Diagnostik (Wo steht das Kind? Was kann es gut, was nicht?) oder darum, mit den Kindern (und auch mit ihren Familien) ins Gespräch zu kommen und neue Bildungsprozesse anzuregen. Diese Klarheit entsteht insbesondere dann, wenn die Dokumentation Teil der pädagogischen Konzeption der Einrichtung ist und mit den anderen Elementen korrespondiert. Diese Einbindung in die gesamte pädagogische Arbeit stellt dann auch sicher, dass die Dokumentation nicht nur ein lästiges Add-On ist, sondern auch wirklich regelmäßig und systematisch durchgeführt wird. Neben diesen grundsätzlichen Rahmenbedingungen kommt es darauf an, ein handhabbares und praktikables Verfahren zu finden. Außerdem ist es wichtig, dass die Dokumentation auch für Eltern und Kinder transparent ist.

Alle weiteren Faktoren hängen dann vom gewählten Verfahren ab. Was aber auf jeden Fall nicht vergessen werden sollte: Das Verfahren sollte für Fachkräfte und Kinder auch ein gewisses Spaßpotenzial haben! Ein inspirierender Dialog, der durch die Dokumentation angeregt wird oder ein schön gestaltetes Produkt können alle Beteiligten sehr zufrieden machen!

Auf den ersten Blick ist die Bildungsdokumentation Aufgabe der pädagogischen Fachkräfte. Aber welche Rolle nehmen die Kinder und deren Eltern dabei ein?

Die Verantwortung liegt natürlich bei den pädagogischen Fachkräften, sie sind Expert*innen für das Verfahren und verfügen über das pädagogische Fachwissen. Betrachtet man aber den Prozess der Dokumentation, dann sind sie Ko-Konstrukteur*innen, die gemeinsam insbesondere mit den Kindern die Dokumentation gestalten. Denn gerade, wenn Kinder selbst zu Gestaltern der Dokumentation werden, ergeben sich zahlreiche Potenziale: Fachkräfte und Kinder können im Sinne eines Sustained Shared Thinking miteinander ins Gespräch kommen und auf diese Weise über das Lernen reflektieren und neue Bildungsprozesse anstoßen. Dokumentation wird dann weit mehr als nur ein Aufbewahrungsort für schöne Erinnerungen oder, wie es Kornelia Schneider nennt, die Buchhaltung der Fachkraft. Dokumentation kann dann eine Inspirationsquelle für neue Bildungsprozesse werden.

Auf welche Weise können Kinder und Eltern einbezogen werden?

Eine erste Grundlage für die Beteiligung ist die einfache Zugänglichkeit: Die Dokumentation sollte für Kinder und Eltern ganz praktisch erreichbar sein, etwa indem sie in einem offenen Regal auf Kinderhöhe bereitsteht.

Zugänglichkeit für Eltern kann aber auch auf digitalem Wege hergestellt werden, indem die Eltern über das Netz auf digital hinterlegte Dokumentation Einblicke bekommen. Hier ist natürlich auf die Datensicherheit und den Datenschutz zu achten.

Zugänglichkeit für Kinder bedeutet außerdem, dass Dokumentation auf vielfältige Weise geschieht: Kita-Kinder können in der Regel nicht lesen, weshalb außersprachliche Dokumentation umso wichtiger ist – etwa in Form von Bildern oder Videosequenzen. Und die Sprache, die verwendet wird, sollte einfach und für Kinder, die sich den Text vorlesen lassen, auch durch Zuhören leicht zu verstehen sein.

Welche Impressionen haben Sie bei Ihren Besuchen in Kitas anderer Länder in Bezug auf deren Dokumentationssysteme erhalten?

Während eines Forschungsaufenthaltes in den USA habe ich mich vor allem mit der Praxis digitaler Dokumentation befasst. In den Einrichtungen, die ich besucht habe (und die natürlich nicht repräsentativ sind), konnte ich eine deutlich höhere Aufgeschlossenheit, ja, Affinität zu digitalen Medien beobachten. In der digitalen Dokumentation wird die Chance gesehen, dass Kinder ihr Lernen selbstständiger und selbstreflexiver organisieren und zugleich grundlegende Fertigkeit im Umgang mit Tablet, Computer und Internet erwerben. Für Eltern besteht die Möglichkeit, intensiver am Alltag der Kinder teilzunehmen. Die Fachkräfte haben das Gefühl, dass ihre Arbeit stärker wahrgenommen und gewürdigt wird. Nach meinem Eindruck werden diese Chancen dort weitaus höher gewichtet als eventuelle Probleme.

Was kann in Deutschland verbessert werden?

In verschiedenen empirischen Studien konnte ich zeigen, dass es in Deutschland eine große Bandbreite bei den Formen und der Qualität der Dokumentation gibt. Viele Einrichtungen und zahlreiche Fachkräfte nehmen die Aufgabe der Dokumentation sehr ernst und sie ist ein zentraler Teil der pädagogischen Arbeit. Damit verbunden ist dann oftmals eine dezidierte Auseinandersetzung mit der eigenen Haltung gegenüber den Kindern, dem Rollenverständnis und vor allem dem Bildungsbegriff. Auf dieser Grundlage sind vielerorts großartige Dokumentationspraktiken entstanden – ob analog oder digital unterstützt. Diese hohe Qualität in noch mehr Einrichtungen zu erzielen, ist ein wichtiges Anliegen.

Ich bedanke mich bei Prof. Dr. Knauf für die sehr interessanten Einblicke in die Bildungsdokumentation!

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