Zwischen Stundenplan und Nichtstun – Bildungsanspruch in der Kita

So wie viele meiner Kolleginnen und Kollegen verbringe ich hin und wieder Zeit in sozialen Netzwerken, um gezielt den Austausch zu suchen oder um mich in diversen Foren und Gruppen auf dem Laufenden zu halten. Was mir dabei sehr stark auffällt: Die ständige Suche vieler Erzieherinnen und Erzieher nach neuen Impulsen für den Kita-Alltag.

#Teil 6: Zwischen Stundenplan und Nichtstun – Bildungsanspruch in der Kita.

 

Mit der Zeit haben sich bei mir zwei Haltungen entwickelt.

Der eine Teil von mir findet es bewundernswert, wie viele Fachkräfte immer wieder nach neuer Inspiration suchen und den Kindern immer wieder neue Impulse und neue Erfahrungen bieten möchten.

Der andere Teil von mir ist da etwas zurückhaltender. Denn es stellt sich mit der Zeit auch das Gefühl ein, dass sich immer wieder von Thema zu Thema gehangelt wird, ein gefühltes „Abarbeiten“ des Kalenderjahrs:

  • Was bastelt ihr mit den Kindern zum Thema Herbst?
  • Wer hat eine gute Idee, die Geschichte des heiligen Sankt Martin aufzubereiten?
  • Welche Laternen bastelt ihr?
  • Wie gestaltet ihr das Weihnachtsfest?
  • Begrüßt ihr bei euch das neue Jahr?
  • Hat jemand Ideen für ein Karnevalsmotto?
  • Welche Techniken gibt es, Ostereier zu färben?
  • Was schenkt ihr den Eltern zum Mutter-, bzw. Vatertag?

 

Theresa Lill_stepfolio_Blog
Theresa Lill: „Der Kindergartenalltag ist oftmals sehr getaktet.“

… Und das ganze wiederholt sich immer wieder. Ein bisschen habe ich beim Lesen dadurch immer das Lied „Die Jahresuhr“ von Rolf Zuckowski im Ohr 😉
Alles scheint ziemlich durchgetaktet zu sein. Die Fachkräfte hangeln sich (mit den Kindern) von einem Event zu dem anderen. Und diese Taktung sieht man auch ab und an – sicherlich lange nicht bei allen – auch schon in der Woche selbst.

Dort kommen dann Fragen wie: „Hat jemand eine Idee, ich habe Bewegungsstunde morgen“, „Ich brauche für Freitag noch ein Rezept für die Kochgruppe“, „Ich suche noch ein englisches Lied für meine Englischgruppe morgen“, etc.

Dem einen oder der anderen mögen diese Fragen vielleicht auch bekannt vorkommen. Und auch wenn diese Inputs manchmal sehr spontan gesucht werden, stellt sich natürlich die Frage: Wo ist denn der Platz für Spontaneität, für die Aufbereitung individueller Projekte, wenn scheinbar schon so viel vorab nach Themen getaktet ist?

Carola Rittner_stepfolio_Blog
Carola Rittner: „Kinder brauchen auch mal Zeit für sich.“

 

Carola: Ganz ehrlich – das denke ich mir auch manchmal. Viele Kinder erfahren ja im Alltag außerhalb der Kita schon solch eine Taktung.

Der Nachmittag ist durchterminiert: Schwimmkurs, Reiten, musikalische Früherziehung, etc. Und auch die Eltern rasen oft von Termin zu Termin.

Für mich als Kita-Leitung stellt sich daher als allererstes die Frage: Was brauchen die Kinder, wenn sie im Alltag mit dieser Terminierung konfrontiert sind? Die Antwort: Sicherlich nicht das Gleiche auch noch in der Kita.

Im Austausch mit anderen Einrichtung bekomme ich aber genau das, was du auch schilderst, immer wieder mal mit: Es gibt zwar eine enorme Angebotsvielfalt – der Gedanke an sich ist ja nicht grundsätzlich schlecht – aber es führt dazu, dass sich die Kinder auch regelrecht an einen Stundenplan halten müssen. Jede Woche, zur gleichen Uhrzeit, wird die Aufmerksamkeit auf eine Sache gelegt. Zu diesem Zeitpunkt hat sich das Kind für diesen bestimmten Aspekt zu interessieren.

10 Angebote besser als kein Angebot?

Eigentlich ist es ja genau das, was gerade auch immer wieder an unserem Schulsystem kritisiert wird: zu wenig Kreativität, zu viel feste Vorgaben, zu wenig Zeit und Raum für eigene Interessen. Eine Kindertageseinrichtung hat diesen speziellen Druck der Schulform nicht. Sie muss sich nicht wie Schulen starr an ein Curriculum halten, sie kann viel freier nach Vorgaben des jeweiligen Bildungsplans arbeiten. Sie kann den Kindern Freiräume anbieten, damit sich diese entfalten können.

Nun ist diese Angebotsstruktur in den Kitas ja oft fest verankert und auch tradiert. Was hältst du denn generell davon?

Carola: Nicht so viel. Angebote im klassischen Sinn sind nicht vom Kind her gedacht. Sie sind aus der Sicht von uns Erwachsenen gedacht.

Angebote stellen eine Aktivität, einen Impuls dar, von dem der Erwachsene meint, dass ein Kind in diesem Alter diesen Impuls braucht. Dieses Bedürfnis wird vorab geplant. Und oftmals in einer Regelmäßigkeit, die bestimmte Zeitpunkte bedient. Meistens sind das die obligatorischen Bereiche, in denen man die Kinder gut fördern kann oder gut abgrenzbare Bildungsbereiche.

 

Theresa Lill_stepfolio_Blog
Theresa Lill: „Jeder möchte das Beste für sein Kind.“

Das stimmt allerdings. So bewusst war mir das davor noch gar nicht aufgefallen. Wenn ich nun weiter darüber nachdenke, dann würde ich die Vermutung anstellen, dass dieser Förderanspruch von dem Bildungsdruck, der auf den Eltern und dadurch auf den Kindern lastet, kommt. Damit das Kind später in der Schule und dann auch im Berufsleben bestmöglich aufgestellt ist, soll schon möglichst früh mit der Förderung begonnen werden.

Oder – wenn die Einstellung nicht gar so erfolgsgetrimmt ist – dann wollen doch zumindest die meisten Eltern sichergehen, dass das eigene Kind nicht weniger Chancen als andere erhält.

Jeder möchte das Beste für sein Kind.

Das ist auch vollkommen legitim und sehr gut so. Wie sollen Eltern denn erkennen, ob eine Kita gute Bildungschancen bereithält? Wie sollen sie sich für eine Einrichtung entscheiden können? Wenn sie selbst keine Möglichkeit haben, sich intensiv mit pädagogischen Konzepten zu beschäftigen (oder keinen pädagogischen Hintergrund besitzen) berufen sie sich zunächst auf die anerkannten, tradierten Angebote. Im Vergleich dazu scheint natürlich die Kita mit 10 Angeboten besser zu sein, als eine, die keines aufgelistet hat. Auf den ersten Blick bietet diese dem eigenen Kind mehr.

 

Carola: Ja richtig. Das ist vermeintlich so, wenn man diese Perspektive einnimmt. Aber wir wissen beide, dass Förderung am besten individuell funktioniert. Gerade in der Kita hat man die Möglichkeit, losgelöst von einem Lehrplan oder Sonstigem, die verschiedensten Aspekte in der Entwicklung eines Kindes zu begleiten, das Kind zu fordern und zu fördern.

Ich kann spontan reagieren, auf Interessen eingehen, mich von den Kindern überraschen lassen und auch selbst Neues entdecken. Ich kann gemeinsam mit den Kindern Projekte planen. All das wird schwer, wenn ich immer wieder das gleiche Programm abspule. Ein Kind hat andere Interessen als ein anderes Kind. Selbst die Gruppendynamik ist  jedes Jahr, mit jeder neuen Konstellation, immer vollkommen anders. Eigentlich hast du da schon die Antwort, warum die immergleichen, fest terminierten Angebote nicht funktionieren können.

 

Nun verstehe ich die Eltern natürlich auch. Sie wollen das Beste für ihr Kind, sie wollen Sicherheit. Und sie möchten das Gefühl haben, eine gute Entscheidung mit der Wahl einer Kita für ihr Kind getroffen zu haben. Wie gehst du denn sicher, dass die Eltern das Gefühl haben, dass ihr Kind bei euch gut aufgehoben ist?

 

Carola: Ganz einfach: Transparenz! Und zwar von Anfang an. Ich erkläre den Eltern schon im ersten Gespräch, wie die Entwicklungsbegleitung in unserer Einrichtung abläuft und auch, warum es beiCarola Rittner_stepfolio_Blog uns eben solch eine Angebotsstruktur und terminierten Tagesablauf nicht gibt. Für dieses Gespräch nehme ich mir ausreichend Zeit, sodass die Eltern verstehen, dass wir nicht einfach irgendetwas ohne Plan machen.

Wenn das Kind dann mal bei uns in der Einrichtung ist, ist es wichtig, den Eltern kontinuierlich aufzuzeigen, wie die Entwicklung der Kinder voranschreitet. Wir geben ihnen Einblick, mit welchen Impulsen wir welche Ziele verfolgen und wie die dadurch angestoßenen Entwicklungsschritte des Kindes aussehen.

Denn das muss einem bewusst sein: Ich kann meine pädagogische Arbeit mit hoher Qualität leisten, ich kann einem Kind nahezu perfekte Entwicklungschancen bieten. Aber ich muss ebenso die Eltern im Blick haben. Dazu gehört, den Eltern Einblick in die Arbeit zu geben und ihnen zu erklären, welche pädagogischen Absichten hinter den verschiedenen Handlungen stecken. Nur so kann ein vertrauensvolles Verhältnis entstehen, das uns Fachkräften die notwendigen Freiheiten im pädagogischen Alltag ermöglicht.

 

oranger Balken

Im #Kita_Talk:

Kinder auf dem Motorrad_stepfolio_Blog

Die Kindergartenfreundinnen Theresa Lill (M.A. Frühpädagogik, inklusive Theaterpädagogik) und Carola Rittner (staatl. anerkannte Erzieherin, B.A. Sozialpädagogik) heckten schon früher gemeinsam Streiche aus und stellten damit ihre Kita auch schonmal auf den Kopf … Diese Zeit ist sicherlich nicht ganz unschuldig daran, dass beide beruflich dem Kita-Alltag treu geblieben sind.

 

oranger Balken

 

 

 

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