„Sprachbildung & Sprachförderung in der Praxis“ – ein Interview mit Dr. Henning Rosenkötter

Gast beim heutigen Experteninterview zum Thema „Sprachbildung & Sprachförderung in der Praxis“ ist Dr. Henning Rosenkötter. Er ist Kinder- und Jugendarzt, Familientherapeut, Entwickungsneurologe und Autor zahlreicher Fachbücher rund um die Themen Sprachförderung und Sprachentwicklung.

Das komplette Interview gibt es auch als Video:

Woran erkenne ich, ob ein Kind Sprachförderung benötigt?

In jedem Fall braucht es eine qualifizierte pädagogische Beobachtung, die könnte man Diagnostik nennen. Diese pädagogische Diagnostik kann getroffen werden: Entweder nach einem standardisierten Beobachtungsbogen, so wie ergovia es anbietet, oder in einer Printversion. Das heißt, ich brauche ein geordnetes Verfahren mit geordneten Kriterien oder ich muss zumindest eine Bewusstheit haben über die wichtigsten Funktionen von Sprache. Dazu gehören zum Beispiel Kommunikationsfähigkeit, Erzählfähigkeit, Satzbau, Wortschatz und auch meine Motivation zu sprechen und meine Motivation zu interagieren und empathisch zu handeln. All das kann ich als erfahrene pädagogische Fachkraft leisten, aber ich brauche eine Bewusstheit über Sprache.

Dann brauche ich natürlich Kriterien dafür. Ich muss wissen, ab wann ein Kind noch eine Sprachentwicklung im Normbereich zeigt. Wenn das nicht der Fall ist, gibt es die nächste Frage: „Bin ich mir sicher, ist das ein Kind für Förderung oder brauche ich noch jemand anderen, mit dem ich das zusammen besprechen möchte?“ Und dieser jemand kann eine Kollegin oder ein Kollege am Arbeitsplatz sein, also damit eine interkollegiale Fallbesprechung, oder ein externer Fachmann bzw. Fachfrau wie zum Beispiel ein Logopäde/in oder ein Kinderarzt/-ärztin. Mit ihnen zusammen muss man zu einer Entscheidung kommen: „Braucht das Kind eine Förderung? Braucht das Kind eine Therapie? Oder können wir warten?“

Das heißt im Grunde genommen: Meistens ist es eine Entscheidung, die aus einem Netzwerk heraus getroffen wird.

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Welche konkreten Möglichkeiten der Sprachförderung gibt es?

Es gibt im Prinzip drei Bereiche. Das eine ist eine Sprachtherapie, also eine logopädische Behandlung oder sprachheiltherapeutische Behandlung. Oder eine Behandlung und Förderung durch speziell ausgebildete Pädagogen, also Sprachheilpädagogen. Das ist der eine Bereich.

Der andere Bereich ist eine elternzentrierte Arbeit. Es gibt zum Beispiel ein Elterntraining, in dem die Arbeit von den Eltern geleistet wird, in dem Eltern sich bemühen, in einer entsprechenden Ausbildung ihr eigenes Sprachverhalten zu optimieren, damit sie optimierte Modelle für den Dialog mit den Kindern darstellen. Das ist ein sehr, sehr effektives Verfahren, das zum Beispiel durch das Heidelberger Elterntraining gemacht werden kann, leider zu selten in Anspruch genommen wird.

Und das, worüber wir jetzt heute gesprochen haben in erster Linie, ist Sprachförderung im pädagogischen Bereich. Diese Sprachförderung kann eine Einzelförderung oder eine Gruppenförderung sein und sie sollte gemacht werden von pädagogischen Fachkräften, die sich dem speziell widmen. Wir sprechen von Spracherzieherinnen und Spracherziehern und in aller Regel in Kleingruppenarbeit mit einer genügenden Zeitvorgabe. Dabei ist es nicht so wichtig, welches Verfahren zur Anwendung kommt, sondern in welchem Verhältnis Kind und Spracherzieherin zueinanderstehen. Es scheint so zu sein, dass eine entscheidende Größe die Frage ist: „Wie viel und wie oft spricht das Kind?“ Es geht nicht darum, dass eine Erzieherin ein Buch vorliest, sondern das Kind braucht eine eigene Sprachaktivität und dann scheint dies ein sehr, sehr effektives Verfahren zu sein.

Welche Ansätze der Sprachförderung empfehlen Sie?

Wenn Sprachförderung in der Kita gemacht wird, in der Krippe oder in der Kita, dann wünsche ich mir kompetente und qualifizierte pädagogische Fachkräfte, die das machen sollten. Meine Wunschvorstellung ist, dass es in jeder Einrichtung mindestens eine Person gibt, die sich dem Thema Sprache besonders widmet, die auch als Ansprechpartnerin für die Kolleginnen und Kollegen zur Verfügung steht, die besonders engagiert ist, die besonders viel Wissen akkumuliert hat und die maßgeblich die Sprachförderung macht, aber eben die anderen Kollegen mit einbezieht.

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Brauchen vor allem Kinder, die mehrsprachig aufwachsen, eine Sprachförderung?

Ganz eindeutig nein. Mehrsprachigkeit ist nichts, was gefördert werden muss. Mehrsprachigkeit ist in der ganzen Welt normal. Die Einsprachigkeit, die wir in Deutschland historisch haben, ist die Ausnahme. 80 bis 90 Prozent aller Kinder auf der Welt sind mehrsprachig, leben auch in Umgebungen, in denen drei oder gar vier Sprachen gesprochen werden müssen, eine Umgangssprache, eine Handelssprache, eine spezielle Berufssprache, eine Stammessprache,… Kinder kommen damit zurecht. Es ist also keine Frage einer Kapazitätsbegrenzung unseres Gehirns, das Gehirn hat unglaublich viele Kapazitäten. Im Gegenteil, jemand der zwei Sprachen gut gelernt hat, wird die dritte umso leichter lernen und erst recht die vierte. Das heißt ich erwerbe, ohne dass die Sprachen untereinander vergleichbar sein müssen oder voneinander ableitbar sein müssen, ein Wissen über Strukturen von Sprache und ich erlange ein metakognitives Wissen, ein Wissen über Wissen. Ich lerne mich selbst kennen als Lerner. Die Lernmechanismen, die ich dabei lerne, kann ich auch im Gebrauch und im Erlernen für andere Sprachen nutzbar machen, sodass es immer leichter wird. Übrigens auch immer mehr Spaß macht.

Das heißt mehrsprachig aufwachsende Kinder brauchen genauso häufig Sprachförderung und Sprachtherapie wie einsprachig aufwachsende Kinder. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass international, in der ganzen Welt, etwa fünf bis sieben Prozent aller Menschen, nicht nur Kinder, auch Erwachsene, Sprachstörungen haben. Wenn ein Kind in einer Sprache eine Sprachstörung hat, hat es sie immer in allen anderen auch. Das heißt ein Kind, das in Deutschland aufwächst, aber Deutsch als Zweitsprache lernt und in dieser Zweitsprache Deutsch eine Sprachstörung aufweist, hat sie fast immer auch in seiner Erstsprache.

Eigentlich ist es auch eine Chance, weil das bedeutet, wir brauchen in Deutschland nicht Logopädinnen aus allen 140 Ländern der Welt, und Sprachen gibt es ja noch mehr als 140, sondern es kann die Therapie und auch die Förderung in der Kita geleistet werden in der Zweitsprache Deutsch. Weil ein Kind, das in der Zweitsprache Deutsch gefördert wird, kann, wenn es ausreichend intelligent ist, die dabei erworbenen Fähigkeiten womöglich nutzbar machen, auch für seine Erstsprache. Wir brauchen fast immer nur die Therapie in einer Sprache. Nicht die Mehrsprachigkeit ist das Problem, sondern das Problem ist, dass fünf bis sieben Prozent aller Menschen Sprachstörungen haben und das scheint in einem hohen Prozentsatz genetisch bedingt zu sein. Da ist wenig zu verändern.

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Wenn Sie noch mehr Informationen zu diesem Thema erhalten wollen, wenden Sie sich bitte an Dr. Henning Rosenkötter.

 
 
 

 

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