Bildungsqualität in Kitas – ein Interview mit Dr. Ilse Wehrmann

Heutiger Gast beim Experteninterview ist Dr. Ilse Wehrmann, Sachverständige für Frühpädagogik. Frau Wehrmann hat sich als freie Beraterin im Bereich der Frühpädagogik in Politik und Wirtschaft einen Namen gemacht.

Im September 2016 hat Dr. Ilse Wehrmann den ergovia Fachtag Kita mitgestaltet und den Fachtag mit ihrem Impulsvortrag zum Thema „Bildungsqualität“ eingeleitet.

Nun freue ich mich, in diesem Interview noch detailierter mit ihr über ihre Vorstellung der Bildungsqualität sprechen zu können.

Das komplette Interview gibt es auch als Video:

Frau Dr. Wehrmann, auf welchen Ebenen kann man Qualität vorantreiben?

Ich glaube, die Fachkraft sieht sich den enormen Ansprüchen von Eltern gegenübergestellt, die vielfältiger geworden sind. Zum einen durch die veränderte Arbeitswelt der Eltern, zum anderen, dass mehr Druck auf Arbeitszeit gelegt wird und natürlich durch die schwierigere Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Erzieherinnen müssen gesellschaftliche Problem lösen, aktuell gerade die Integration von Kindern mit Migrationshintergrund und von traumatisierten Kindern.

Gesellschaftliche Probleme hat zuerst der Kindergarten zu lösen, vor allen anderen Bildungseinrichtungen. Natürlich, denn sie sind die erste Einrichtung außerhalb der Familie. Das heißt, sie müssen einen ganzen Stadtteil in den Blick nehmen. Sie nehmen nicht nur ein Kind auf, sondern eine ganze Familie. Das hat Ansprüche an enorme Fachlichkeit und Herausforderung.

Ich bedauere, dass der Stellenwert von Frühpädagogen nicht ein anderer ist in unserer Gesellschaft. Sie sind die Zukunftsgestalter eines Landes und gehören für meine Begriffe an erster Stelle der Gesellschaft in der Vergütung, im gesellschaftlichen Ansehen, aber auch in ihrer Qualifikation.

Frau Dr. Ilse Wehrmann im Experteninterview

Welche Anforderungen sieht sich eine Fachkraft gegenübergestellt und wie kann sie ihnen begegnen?

Natürlich durch genaue Beobachtungsverfahren, durch Dokumentation. Ich muss auch Beobachtung lernen, um es auch richtig zu interpretieren und sozusagen Kinder auch partizipatorisch zu beteiligen an ihren Lern- und Entwicklungsschritten. Für Erzieher ist das schon eine Aufgabe, genau hinzugucken, um sozusagen als Lern- und Entwicklungsbegleiter auch die richtigen Schritte anzubahnen.

Aber das ist für mich eine Frage von Zeitkontingenten. In neuseeländischen Kindergärten habe ich erlebt, dass dort 1,5 Stunden jede Erzieherin in der Woche für Beobachtungen hatte und immer zwei Pädagogen ein Kind beobachtet haben, um sich darüber auch austauschen zu können. Bei uns wird das häufig in den Zeitkontingenten der Pädagogen nicht genügend berücksichtigt, sowohl die Vor- und Nachbereitungszeit der Pädagogen, aber auch vor allem das Thema Lern- und Entwicklungsbegleitung durch Beobachtung.

Das müsste einen anderen Stellenwert bekommen.

Frau Dr. Ilse Wehrmann

Wie kann man pädagogische Qualität nicht nur leisten, sondern auch sichtbar machen?

Ich habe diese Berufsgruppe eher zurückhaltend erlebt, ich glaube, wir haben gar keine Alternative. Unsere Welt ist digital. Wenn ich sehe, wie ich mit Medien umgehe, was ich alles an Begrifflichkeiten lernen muss, das hätte ich mir nie früher vorstellen können. Ich glaube, Kinder wachsen sehr selbstverständlich damit auf. Wenn mir ein Sechsjähriger sagt: „Soll ich dir eine App herunterladen?“, dann weiß ich sozusagen, wie selbstverständlich er mit solchen Dingen umgeht. Da müssen Erzieher ihre Scheu verlieren.

Ich glaube, dass wir mehr Weiterbildungsinhalte transportieren müssten über digitale Medien und dass in Hinblick auf Beobachtungsverfahren auch der Mut da sein müsste, sie anders einzusetzen und zu deuten. Das findet man im Ausland im Kindergarten selbstverständlich. In chinesischen Einrichtungen habe ich immer erlebt, dass ein Computer da war für Beobachtung und gleichzeitig ein Klavier für musische Erziehung. Wir müssen beides zusammen denken.

Eine Aufgeschlossenheit, auch für moderne Medien und Beobachtungsverfahren, halte ich für zwingend und unerlässlich. Es macht keinen Sinn, alles nur aufzuschreiben, sondern wir müssen es gleich auch in den elektronischen Medien abbilden. Mein Alltag wäre für mich gar nicht mehr zu gestalten ohne Medien.

Ich glaube, wenn Erzieher Zukunftsgestalter eines Landes sind, dann müssen sie mit den Medien sinnvoll umgehen und sie integrieren. Diese Zeit gab es mit dem Fernseher genauso wie es sie jetzt mit den modernen Medien gibt. Es zählt die Aufgeschlossenheit! Und es gilt zu schauen: Wann setze ich digitale Medien wo ein und mit welchem Effekt?

Ergovia Expertenforum mit Frau Dr. Wehrmann

Welchen Stellenwert nehmen für Sie digitale Medien in der pädagogischen Arbeit ein, wenn es um Qualität geht?

Ich glaube, wir bräuchten erst einmal Rahmenbedingungen durch ein Bundesqualitätsgesetz mit einheitlichen Rahmenbedingungen in ganz Deutschland.

Der Weg ist das Ziel. Das werden wir nicht vor 2020 überall erreichen, aber wir brauchen eine Qualitätskontrolle. Wir müssen wissen: „Wo stehen wir mit unserer pädagogischen Arbeit? Wo wollen wir hin? Und wie gehen wir die nächsten Schritte?“ Dabei müssen wir auch moderne Medien nutzen, das ist für mich gar keine Frage.

Aber dieses Thema Qualitätssicherung ist in Deutschland noch ein bisschen unterbelichtet, um es vorsichtig zu sagen. Das findet man international sehr viel mehr.

In Deutschland stehe ich dafür, dass man die Qualität des Trägers in den Blick nehmen müsste, die Qualität der Unterstützungssysteme, die Strukturqualität, in der Pädagogen ihren Alltag gestalten müssen, aber sich auch zu fragen: „Wie gestalten Pädagogen die pädagogischen Prozesse? Welche Möglichkeiten haben sie? Welche Qualifikation haben sie? Und wie gestalten sie sie?“

Das muss dokumentiert und auch in Fortbildungen einbezogen werden, weil in dem „Wie“ sind wir noch sehr willkürlich. WIE wir mit Kindern umgehen. Da wünsche ich mir eine andere Verbindlichkeit, eine andere Aufgeschlossenheit und eine andere Bereitschaft zur Selbstreflexion.

Dr.Ilse Wehrmann

Ich bedanke mich bei Ihnen, Frau Dr. Wehrmann für Ihre Zeit!

 
Wer noch mehr über Frau Dr. Ilse Wehrmann erfahren möchte, der findet weitere Informationen auf ihrer Website.

 
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